In der Nacht zum 22. Juni 1941 griff Deutschland die Sowjetunion an und führte in den eroberten Gebieten einen beispiellosen Vernichtungskrieg. Tausende Dörfer und Städte wurden zerstört. Mindesten 27.000.000 Menschen wurden ums Leben gebracht.
Doch der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion setzte sich auch im Deutschen Reich fort. 5.000.000 Menschen mussten im Deutschen Reich Zwangsarbeit leisten. Ihr Leben war geprägt von harter Arbeit, mangelnde Versorgung und rassistischer Verfolgung. Viele Menschen, die Zwangsarbeit leisten mussten, starben an Hunger und Krankheiten, bei Arbeitsunfällen oder bei Fliegerangriffen, denen sie schutzlos ausgesetzt waren. Besonders hart war das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen.
Mit einer Namenslesung soll an die sowjetischen Kriegsopfer erinnert werden, die, oft namenlos, auf dem Ausländerfriedhof begraben wurden. Heute ist der Friedhof als Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund bekannt.
Bei dieser Lesung werden am 21. Juni 2026 von 14 bis 20 Uhr die Namen von 4.472 sowjetischen Kriegsopfern vorgetragen, die auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund begraben wurden.
Gemeinsam erinnern: der Historische Verein Ar.kod.M, das Dortmunder Friedensforum, das Bündnis Dortmund gegen Rechts sowie die Dortmunder Gruppen von IPPNW, attac, VVN-BdA und DFG-VK und die Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen NRW
Anlässlich des 85. Jahrestags des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion wollen wir mit der Verlesung der 4.472 uns bis heute bekannten Namen an die Menschen erinnern, die aus der Sowjetunion zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden und in Dortmund ums Leben kamen.
Ehrenmahl auf dem Internationalen Friedhof in Dortmund
Am 22. Juni 1941 griff Deutschland die Sowjetunion an und überzog die eroberten Gebiete mit einem bespiellosen Vernichtungskrieg. Die sowjetische Gesellschaft sollte zerstört und die Eliten sollten vernichtet werden. Die Menschen sollten verhungern oder versklavt werden oder aus ihrer Heimat vertrieben werden. Die Wehrmachtsführung erarbeitete die Befehle für diese Kriegsführung. Diese Befehle verlangten rücksichtsloses Durchgreifen gegen die einheimische, insbesondere die jüdische Bevölkerung, sie ermöglichten die massenhafte Ermordung von Zivilist*innen und Kriegsgefangenen. Mindesten 16.000.000 Zivilistinnen und Zivilisten und 11.000.000 Rotarmistinnen und Rotarmisten wurden während des Krieges gegen die Sowjetunion ums Leben gebracht.
Millionenfache Zwangsarbeit im Deutschen Reich
Doch dieser Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion setzte sich auch im Deutschen Reich fort. Mindestens 5.000.000 Menschen aus der Sowjetunion mussten in Deutschland Zwangsarbeit leisten. Sie wurden überall eingesetzt: in der Rüstungsindustrie, in kommunalen und kirchlichen Einrichtungen, in der Landwirtschaft, bei der Reichsbahn, in Handwerksbetrieben, in Fabriken und Stahlwerken und im Bergbau. Sie waren für die deutsche Bevölkerung überall sichtbar. Es waren vor allem Mädchen und junge Frauen, aber auch Jungen, Familien und alte Menschen wurden ins Deutsche Reich verschleppt. Das Leben dieser Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen war geprägt von harter Arbeit, schlechter Verpflegung, mangelnde gesundheitlicher Versorgung, rassistischer Verfolgung und ständigen Demütigungen. Die Menschen starben an Hunger, an nicht behandelten Krankheiten, bei Arbeitsunfällen oder bei Fliegerangriffen, denen sie schutzlos ausgesetzt waren. Die Verstorben wurden oft ohne Nennung ihres Namens am Rand eines nahegelegenen Friedhofs begraben.
Sinaida Bakumenko stammte von der Krim. Sie musste auf der Zeche Westhausen I Zwangsarbeit leisten. Sinaida starb am 8. März 1945 im Bombenhagel. Sie wurde auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 13 begraben. Sinaida war 22 Jahre alt.
Grigorij Petrischin stammte aus dem Kreis Petrow im Westen Russlands. Er muss für den Dortmund-Hörder Hüttenverein Zwangsarbeit leisten. Grigorij starb in der Nacht zum 11. September 1942. Er wurde auf den Internationalen Friedhof in Dortmund auf Feld 4 begraben. Grigorij war 16 Jahre alt.
Auch nahezu 2.000.000 sowjetische Kriegsgefangene mussten während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit leisten. Sie wurden in Kriegsgefangenenlagern (Mannschaftsstammlager, abgekürzt Stalag) gefangen gehalten. In den von der Wehrmacht verwalteten Lagern waren Gefangene aus Polen, Frankreich, Belgien, Italien, Serbien und der Sowjetunion nach Nationalitäten getrennt untergebracht. Eines dieser Lager war das Stalag VI D an der Dortmunder Westfalenhalle. Hunderttausende Kriegsgefangene durchliefen von 1939 bis 1945 das Lager, dem am 1. September 1944 rund 78.000 Männer zugewiesen waren. Von dort wurden die Gefangenen in Arbeitskommandos im Ruhrgebiet, Münsterland und Sauerland gebracht, wo sie in Industrie, Landwirtschaft sowie öffentlichen Einrichtungen und für die Wehrmacht Zwangsarbeit leisten mussten. Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen war besonders schwer. Anders als Gefangene anderer Nationen wurden ihnen die Rechte der Genfer Konvention aus rassistischen Gründen verweigert. Die Nationalsozialisten betrachteten sie als „Untermenschen“ und versorgten sie nur unzureichend mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Viele starben an Hunger, Krankheit und den Folgen harter Arbeit.
Iwan Samsonenko stammte aus dem Dorf Strochowo im Gebiet Kiew. Am 5. Juli 1941 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er starb am 7. Mai 1942 im Stalag VI D in Dortmund und wurde auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 2 beerdigt. Iwan war 21 Jahre alt.
Wasilij Ageew stammte aus Tatarstan. Er geriet im Juli 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er starb im Dezember 1941 im Stalag VI D in Dortmund und wurde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund beerdigt. Wasilij war 22 Jahre alt.
In Dortmund begrub man die meisten verstorbene sowjetische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen(Kriegsgefangene sowie Zivilarbeiter*innen und deren Kinder) auf dem Ausländerfriedhof. Heute ist der Friedhof als Internationaler Friedhof am Rennweg bekannt.
Nikolaj Scharpan wurde am 16. März 1944 in Dortmund geboren. Seine Mutter musste Zwangsarbeit auf der Hoesch Westfalenhütte leisten. Nikolaj starb am 21. September 1944. Er wurde auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 9 begraben. Insgesamt sind 117 Kindern auf dem Internationalen Friedhof beerdigt.
Erinnern und Gedenken an Opfer des Krieges
Die heute als Internationaler Friedhof am Rennweg bekannte Begräbnisstätte wurde ursprünglich 1922 als jüdischer Friedhof angelegt. Nach der Vertreibung und Ermordung der Dortmunder Jüdinnen und Juden wurde er zum Ausländerfriedhof. Hier wurden Menschen begraben, die zur Zwangsarbeit nach Dortmund verschleppt worden waren. Zwei Ehrenanlagen erinnern an polnische und serbische Kriegsopfer. Doch auch die ausgedehnten Rasenflächen sind Gräber. Dort ruhen mehrere Tausend Menschen aus der Sowjetunion, die zur Zwangsarbeit ins Ruhrgebiet verschleppt wurden und in Dortmund ums Leben kamen. Der Internationale Friedhof im hinteren Teil des heutigen jüdischen Friedhofs ist eine Kriegsgräberstätte.
Gräberfeld auf dem Internationalen Friedhof
Gab es ursprünglich noch Grabkennzeichnungen an den Gräbern, so wurde der Friedhof in den 1960er Jahren neu gestaltet. Das Mahnmal für die sowjetischen Kriegsopfer, wurde auf den Ausländerfriedhof umgesetzt. Ursprünglich befand es sich am Haupteingang des Hauptfriedhofs. Kurz nach dem 2. Weltkrieg wurde es von überlebenden sowjetischen Bürger*innen als Erinnerung und Mahnung errichtet. Für die Neugestaltung des Friedhofs waren das Dortmunder Friedhofsamt und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zuständig. Die gekennzeichneten Einzelgräber sowjetischer Kriegsopfer wurden eingeebnet. So entstanden nicht mehr erkennbare, namenlose Gräber auf den weitläufigen Rasenflächen.
Die Einzigartigkeit eines Menschen bewahren
Doch Namen bewahren das Gedenken. Sie verbinden die Lebenden mit den Toten, sie bewahren die Identität eines Menschen und tragen die Erinnerung über seinen Tod hinaus. Immer noch fehlt für die meisten sowjetischen Kriegsopfer auf dem Internationalen Friedhof eine namentliche Erinnerung. Mit der Verlesung der 4.472 uns bis heute bekannten Namen erinnern wir an Menschen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden und in Dortmund ums Leben kamen. Das Gedenken an sie ist Ausdruck von Respekt und Würde und zugleich ein Zeichen gegen Krieg, Rassismus und die Missachtung der Menschenwürde sowie für Frieden und Verständigung.
Am 9. Mai 1945 endet der 2. Weltkrieg in Europa. Für die Menschen in Europa bedeutet dieser Tag Frieden und die Befreiung vom Faschismus. Dieser Sieg über den Faschismus war hart erkämpft. Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes fand auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund eine Feierstunde statt. Bereits am Vormittag fand eine Kranzniederlegung zur Erinnerung an die Kriegsgefangenen des Stalag VI D am Gedenkstein an der Westfalenhalle statt.
Am Nachmittag wurde, während einer Feierstunde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg, mit der Aufstellung zahlreicher Portraits der sowjetischen Kriegsgefangenen gedacht, die in Dortmund ums Leben gebracht und ohne Nennung ihres Namens begraben wurden.
Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion gerieten 5.000.000 Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Zweidrittel der Männer überleben die ersten Monate ihrer Gefangenschaft nicht. Wer überlebte, wurde von der Wehrmacht zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht, so auch nach Dortmund. In Dortmund wurden die Männer in das Kriegsgefangenlager Stalag VI D an der Westfalenhalle gebracht und von dort zur Zwangsarbeit in die Betriebe im östlichen Ruhrgebiet, im Sauerland und im Münsterland. Wenn sie, wegen der harten Arbeit und der völlig unzureichenden Ernährung nicht mehr arbeitsfähig waren, brachte man sie zurück in das Stalag VI D. In diesem Lager starben tausende Gefangene an fehlender Versorgung und nicht behandelten Krankheiten. Ihr Grab fanden die Männer auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg.
Bisher erinnert der Internationale Friedhof an eine Parklandschaft, es gibt nur wenige Erinnerungen an die Menschen, die hier begraben sind.
Mit der Aufstellung der Portraits sollte den Menschen, die oft ohne Nennung ihres Namens beerdigt wurden, ein Namen und ein Gesicht geben werden.
Mit der Aktion „Der letzte Weg“ sollte am 9. Mai, am Tag des Sieges über das todbringende Regime der Hitlerfaschisten, an die Menschen erinnert werden, die ihr Leben verloren haben.Am Gedenkstein an der Westfalenhalle, genau dort wo sich der Eingang zum Kriegsgefangenenlager Stalag VI D befand, wurde mit den Portraits von 80 dort verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen an die Leiden und den Tod tausender Menschen erinnern. Danach machten sich die Teilnehmer*innen auf den Weg zum internationalenFriedhof. Der Weg, den die Teilnehmer*innen zurücklegten, war für tausende Menschen ihr letzter Weg. Auf dem internationalen Friedhof am Rennweg stellten die Teilnehmer*innen die 80 Portraits der Kriegsgefangenen auf. Für kurze Zeit soll mit der Aktion „Der letzte Weg“ 80 von mehreren tausend Menschen ein Name und ein Gesicht geben werden.
Am 8. bzw. am 9. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Der Sieg der Alliierten über Nazideutschland brachte ganz Europa und auch den Menschen in Deutschland die Befreiung vom Faschismus. Dieser Sieg über Nazideutschland wurde hart erkämpft, viele Menschen haben dafür ihr Leben gegeben.
Einen sehr großen Anteil an diesem Sieg hatten die Menschen aus den unterschiedlichen Republiken der Sowjetunion – heute eigenständige Länder – Die Sowjetunion und die Rote Armee erkämpften diesen Sieg unter unsäglichen Opfern. 10.000.000 Rotarmistinnen und Rotarmisten verloren ihre Leben. Mindesten 17.000.000 Zivilistinnen und Zivilisten wurden ums Leben gebracht. Jede Familie in der ehemaligen Sowjetunion hat Opfer zu beklagen.
Das „Unsterbliche Regiment“
Der Tag des Sieges über den Faschismus ist in vielen Ländern ein Tag der Freude, der besonders feierlich begangen wird. So findet seit einigen Jahren in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion die zivilgesellschaftliche Aktion „Das Unsterbliche Regiment“ statt. Die Menschen erinnern sich und bewahren so die Geschichte ihrer Familienangehörigen, in dem sie auf den Straßen und Plätzen ihrer Stadt das Portrait ihrer Angehörigen zeigen.
Diesen Gedanken haben wir am 9. Mai aufgegriffen und 80 Portraits von sowjetischen Kriegsgefangenen angefertigt, die mit mehrere tausend anderen Kriegsgefangenen in Dortmund starben. In Dortmund befand sich ein großes Kriegsgefangenenlager, das Mannschaftsstammlager Stalag VI D. Männer aus Polen, Frankreich, Serbien, Italien waren in diese Lager eingesperrt. Das schrecklichste Schicksal hatten die sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Lager C waren. Sie wurden rassistische verfolgt, gedemütigt und verachtet, ihnen wurden alle Rechte von Kriegsgefangenen abgesprochen. Man brachte sie zur Zwangsarbeit in die Stahlwerke und Rüstungsbetriebe im Ruhrgebiet, in die Betriebe und Einrichtungen im Sauerland und im Münsterland. Tausende überlebten die Zwangsarbeit nicht.
Sie starben im Lazarett des Stalag VI D. Ihr letzter Weg führte sie vom Stalag VI D an der Westfalenhalle über die heutige B1 zum Ausländerfriedhof, wo sie anonym begraben wurden. Heute ähnelt dieser Friedhof einem Park, die Gräber der Verstorbenen sind eingeebnet, es gibt keine Grabsteine, keine Kreuze mit den Namen des Verstorbenen.
Gegen das Vergessen
79 Jahre nach der Befreiung Europas vom Faschismus erinnern sich viele Politiker nicht mehr daran, dass Millionen Sowjetsoldaten dafür ihr Leben gaben. Gegen das Vergessen soll hier nicht mehr gelten. Auch in Dortmund scheint diese Erinnerung nicht zu passen. Außer einem Gedenkstein gibt es keine Erinnerung an das Stalag VI D. Auf dem Internationalen Friedhof erinnert bis heute keine Grab, kein Kreuz und kein Grabstein namentlich an die sowjetischen Kriegsopfer, obwohl ihre Namen bekannt sind. Die lange geplanten Namensstelen wurden bisher nicht auf dem Internationalen Friedhof aufgestellt. Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern dazu werden nicht beantwortet
Die Stadtgesellschaft in Dortmund hat sich gegen das Auftreten von Nazis in ihrer Stadt gewehrt. Doch wer heute ernsthaft gegen Rechtsradikalismus demonstriert und nie wieder Faschismus will, muss sich erinnern, dass die Befreiung Deutschlands ungeheure Opfer der Alliierten und ganz besonders der Sowjetunion gefordert hat.
Gedenken zum 80. Jahrestag des Grubenunglücks auf der Zeche Sachsen in Hamm Heessen
Am 3. April 1944 kam es um 10.15 Uhr auf Zeche Sachsen zu einer Schlagwetterexplosion auf der 3. Sohle in Flöz Präsident. Im Streb befanden sich zu diesem Zeitpunkt 76 sowjetische Kriegsgefangene, die selbständig in diesem Russenstreb arbeiten, und 4 Deutsche als Aufsichtspersonal. 25 Deutsche, 12 sowjetische Kriegsgefangene und 9 Ostarbeiter waren mit anderen Arbeiten am Unglücksort beschäftigt. Außerhalb des direkten Unfallorts starben weitere Bergleute. Ein Grubenwehrtrupp, der die Toten bergen sollte, wurde am Abend von einer weiteren Explosion überrascht. Die Männer erlitten schwere Verletzungen, nur einer überlebte. Die schreckliche Bilanz dieses Unglückstages waren 169 Tote, 101 sowjetische Kriegsgefangene, 56 Deutsche und 12 Ostarbeiter. Unter Tage finden 127 Bergleute ihr gemeinsames Grab, darunter 94 sowjetische Kriegsgefangene.
Der Allgemeine Knappenverein „Glück Auf“ Hamm-Nordenfeldmark Heessen sowie weitere Vereine und Persönlichkeiten der Hammer Politik, darunter der Oberbürgermeister, gedachten am 3. April auf dem Dasbecker Friedhof der Verunglückten von Zeche Sachsen. In Ihrer Ansprach erinnerte die Bezirksbürgermeister von Heessen, Erzina Brennecke, daran, dass der Berg keine Nationalität kennt. Die 167 Bergleute starben ohne Ansehen der Person gemeinsam und 127 von ihnen fanden ihr gemeinsames Grab unter Tage.
Am 27. Januar 2024 fand auf Einladung von Dortmunder Friedensorganisationen eine Lesung mit Berichten aus dem Blockadebuch von Daniil Granin und Ales Adamowitsch statt. Anlass war das Ende der Blockade Leningrads vor 80 Jahren, am 27. Januar 1944.
Rund 70 Menschen waren gekommen. Sie hörten der Lesung mit Aufmerksamkeit und Ergriffenheit zu. 872 Tage lang – vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 – wurde die Stadt von der deutsche Wehrmacht belagert. Ziel war es, die Bevölkerung auszuhungern. Mehr als eine Million Bürgerinnen und Bürger der Stadt starben durch Hunger, Kälte und durch dauernde Fliegerangriffe.
In Tagebüchern und Berichten haben Leningrader und Leningraderinnen ihre Erlebnisse während der Blockade ihrer Stadt festgehalten. 3 Menschen kamen in der Lesung zu Wort, 3 von 3.000.000 Millionen, die in Leningrad eingeschlossen wurden.
Jura Rjabinkin, ein 16- jähriger Schüler Lidia Georgijewna Ochapkina, eine Mutter zweier kleiner Kindern Georgij Alexejewitsch Knjasew, Leiter des Archivs der Akademie der Wissenschaften der UdSSR
Gleichzeitig mit der Lesung war eine kleine Ausstellung zu sehen. 9 Tafeln zeigten das Schicksal der Leningrader Bürger und Bürgerinnen während der 872tägigen Blockade.
Jugendliche und Kinder von russischsprachigen Eltern baten den Historische Verein Ar.kod.M um eine Führung auf dem „sowjetischen Feld“ des Friedhofs Wanne-Eickel. Sie hatten festgestellt, dass in der Schule nicht über das Schicksal sowjetischer Kriegsopfer gesprochen wird, deshalb wollten sie mehr über das Schicksal dieser Menschen, die während des zweiten Weltkrieges im Ruhrgebiet ihr Leben verloren haben, erfahren und über die Kriegsverbrechen der Nazis in der Region.
So trafen sich an einem Samstagmorgen um 9.00 Uhr am Eingang zum Waldfriedhof etwa 10 junge Menschen und ihre Eltern mit dem Vorsitzenden des Historischen Vereins Ar.kod. M, Dmitriy Kostovarov. Dass die Jugendlichen bereit waren so früh am Samstag von zuhause aufzubrechen und an dem Rundgang teilzunehmen, zeigt ihr großes Interesse an diesem Thema.
Um zum Ehrenfeld der sowjetische Kriegsopfer zu gelangen, musste die Gruppe den Friedhof durchqueren, denn das Gräberfeld der sowjetischen Kriegsopfer ist, wie auf allen Friedhöfen, am Rand. Auf dem Gräberfeld befinden sich zahlreiche flache Grabsteine, sog. Grabkissen. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs wurden hier 1113 sowjetische Bürger*innen begraben. Heute sind 1266 Namen bekannt, denn nach dem Krieg gab es noch Umbettung von nahegelegenen Friedhöfen. Das Gräberfeld ist in zwei Bereiche unterteilt. Auf dem größeren sind sowjetische Kriegsgefangenen begraben und auf dem kleineren Zivilarbeiter*innen und ihre Kinder. Die Menschen, Kriegsgefangene wie Zivilarbeiter*innen, wurden zur Zwangsarbeit ins Ruhrgebiet verschleppt. Viele kamen ums Leben, weil die Lebens- und Arbeitsbedingungen für sie so hart waren. Viele wurden namenlos begraben. Gab es Namensschilder oder Kreuze auf den Gräbern, so wurden sie oft in der Nachkriegszeit beseitigt.
Die Stadt Herne, mit der Wanne-Eickel seit Januar 1975 zusammengeschlossen ist, hat jedoch dafür gesorgt, dass dieser Ort würdig gestaltet ist. Auf den Gräbern befinden sich Grabsteine mit den Namen der Verstorbenen. Auf diesem Friedhof wird nicht nur der deutsche Kriegsopfer namentlich gedacht, sondern auch der sowjetischen, die andernorts oftmals namenlos bleiben. Dieser Friedhof ist deshalb ein gutes Beispiel für die würdige Gestaltung von Gräbern sowjetischer Kriegsopfer.
Um die namentliche Erinnerung bemüht sich auch ein Projekt das Schulen gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge durchführen, berichtete Dmitriy Kostovarov. Die Schüler*innen forschen nach Namen sowjetischer Kriegsopfer und erstellen Tonziegel mit den Namen der Verstorbenen. Diese Tonziegel werden als Ziegelstelen oder -tafeln auf den jeweiligen Friedhöfen aufgestellt.
Die Jugendlichen waren überrascht, welche Recherchemöglichkeiten es gibt und wie viele Originaldokumente in den verschiedenen Archiven heute zugänglich sind. Der Historische Verein Ar.kod.M hat in den vergangenen Jahren viele umfangreiche Recherchen durchgeführt. Er hat zudem Familien aus der ehemaligen Sowjetunion dabei geholfen ihre während des 2. Weltkriegs im Ruhrgebiet ums Leben gekommene Angehörige zu finden und die Familien beim Besuch des Grabes unterstützt und begleitet.
Der Rundgang hat das Interesse der Jugendlichen geweckt, bei einem kleinen Picknick verabredeten sie ein weiteres Treffen.
Ar.kod.M legte auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund Blumen nieder
Bisher sind die Gräber von mehreren tausend sowjetischen Kriegsopfern auf dem Internationalen Friedhof in Dortmund weitläufige Rasenflächen, nur sehr wenig erinnert an die Menschen, keine Grabinschrift mit ihrem Namen, kein Grabstein und kein Kreuz.
Im Rahmen der Aktion „Holz ist kein Marmor“ hat Ar.kod.M Holztafeln mit den Namen einiger weniger Verstorbener an ihren Gräbern aufgestellt. Damit soll an die lange geplante Aufstellung der Namensstelen erinnert werden. Ar.kod.M legte nun an den Namenstafeln Blumen nieder um der Verstorbenen zu gedenken und die Aufstellung der Namensstelen anzumahnen.
117 Kinder sind auf dem Internationalen Friedhof begraben. An zwei Kinder, die nur wenige Monate alt wurden, erinnern Namenstafeln.
Am 2. September fand auf dem Friedhof des Stalag VI K in Stukenbrock die Mahn-und Gedenkstunde zum Antikriegstag 2023 statt. Der Obelisk auf dem Friedhof erinnert daran, dass dort 65.000 sowjetische Kriegsopfer begraben sind. Die meisten wurden im nahen Kriegsgefangenenlager Stalag (326) VI K ums Leben gebracht. Die Verstorbenen stammen aus allen 15 Sowjetrepubliken. Sie wurden Opfer des Vernichtungskrieges, den Deutschland gegen die Sowjetunion und die sowjetischen Menschen führte.
Etwa 200 Menschen aus der Region und aus ganz Nordrhein-Westfalen waren gekommen um an der Mahn- und Gedenkstunde teilzunehmen und Blumen an den Gräbern niederzulegen. Eingeladen hatte der Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“.
Prof. Dr. Normann Paech, Völkerrechtler aus Hamburg und in diesem Jahr Hauptredner, mahnte die Erinnerung an die sowjetischen Kriegsopfer an. Heute verneigen wir uns in Erinnerung an die Toten vor ihren Gräbern, doch dies macht nur Sinn, wenn wir unserer Verantwortung gerecht werden. Unsere Verantwortung ist Frieden mit Russland, nicht Krieg mit Russland, ist der Schutz des Lebens und der Städte, ist Interessenausgleich. Der Kriegslogik muss eine Friedenslogik entgegengesetzt werden.
Eine Inschrift auf dem Friedhof mahnt die Besucher*innen angesichts der tausenden Kriegsopfer: »Und sorget Ihr, die Ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibt, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern«.
Der Historische Verein Ar.kod.M erhielt vor kurzem eine Nachricht in der stand: „In einer von Ihnen erstellten Namensliste für den internationale Friedhof Dortmund, haben wir den Namen unseres Großvater gefunden. Leider ist der Name falsch geschrieben- Rebuschapka, aber alle anderen Daten sind eindeutig vom ihm. Stepan Iwanowitsch ist unser Verwandter“. Der Nachricht war seine Photographie beigefügt. Stepan Rjaboschapka starb am 1. Februar 1943 in Dortmund.
Er stammte aus dem Gebiet Odessa, wo er 1898 geboren wurde. Im Sommer 1941 wurde er zur Roten Armee eingezogen. Im Sommer 1942 war er in Rostow am Don. Dort tobte eine erbitterte Schlacht. Die Rote Armee versuchte die Stadt, die sie im Herbst 1941 von der deutschen Wehrmacht zurückerobert hatte, zu verteidigen, musste sich aber Ende Juli geschlagen geben. Stepan Rjaboschapka geriet am 14. Juli 1942 bei der Verteidigung Rostows in deutsche Kriegsgefangenschaft. Man brachte ihn in das 1000 km entfernte Stalag 358 Schitomir. Die Gefangenen mussten lange Fußmärsche zurücklegen. Sie erhielten kaum Verpflegung und Wasser. Der Transport mit der Bahn geschah oft in offenen Waggons. Von Stalag 358 Schitomir brachte man ihn für den Arbeitseinsatz im Ruhrgebiet in das 1500 km entfernte Stalag 326 Senne. Nach den Strapazen eines taglangen Transports ohne ausreichende Nahrung in überfüllten Waggons in sommerlicher Hitze waren die Männer geschwächt, fast verhungert und verdurstet. Vom Stalag 326 kam er nach Dortmund in das Stalag VI D, um zur Arbeit in den Stahlwerken und Rüstungsbetrieben in Dortmund und Umgebung eingesetzt zu werden. Stepan Rjaboschapka starb am 1. Februar 1943 nach nur 201 Tagen in deutscher Kriegsgefangenschaft. Man begrub ihn auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg. Er war 45 Jahren alt und hinterließ eine Ehefrau und 6 Kinder, seine jüngste Tochter war 6 Jahre alt als sie ihren Vater verlor. Elena Rjaboschapka und ihre Kinder blieben jahrzehntelang im Ungewissen. Sie hatten keine Nachricht von ihrem Ehemann und Vater.
Erst nach 80 Jahren fand seine Familie in einer Liste sowjetischer Kriegsopfer des Internationalen Friedhofs in Dortmund seinen Namen. Seine Enkeltochter Natalja wandte sich an den Historischen Verein Ar.kod.M und bat in ihrer Nachricht auch: „Senden Sie uns ein Foto von seinem Grab. Seine Tochter, das letzte von 6 Kindern, lebt heute noch in der Region Odessa. Sie ist 86 Jahre alt und würde sich sehr über ein solches Foto freuen. Meine Schwester lebt zur Zeit in Flensburg und würde gerne irgendwann nach Dortmund kommen, um das Grab zu besuchen.“
Stepan Iwanowitsch Rjaboschapkas Grab liegt am baumbestandenen, efeubewachsenen Rand des Internationalen Friedhofs am Rennweg in Dortmund. Dort erinnert nun eine Photographie mit seinem Namen an ihn.