27. Januar 1944 – Befreiung Leningrads

Am 27. Januar 2024 fand auf Einladung von Dortmunder Friedensorganisationen eine Lesung mit Berichten aus dem Blockadebuch von Daniil Granin und Ales Adamowitsch statt. Anlass war das Ende der Blockade Leningrads vor 80 Jahren, am 27. Januar 1944.

Rund 70 Menschen waren gekommen. Sie hörten der Lesung mit Aufmerksamkeit und Ergriffenheit zu. 872 Tage lang – vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 – wurde die Stadt von der deutsche Wehrmacht belagert. Ziel war es, die Bevölkerung auszuhungern. Mehr als eine Million Bürgerinnen und Bürger der Stadt starben durch Hunger, Kälte und durch dauernde Fliegerangriffe.

In Tagebüchern und Berichten haben Leningrader und Leningraderinnen ihre Erlebnisse während der Blockade ihrer Stadt festgehalten. 3 Menschen kamen in der Lesung zu Wort, 3 von 3.000.000 Millionen, die in Leningrad eingeschlossen wurden.

Quelle: Blockadebuch – Leningrad 1941-1944, A.Adamowitsch, D.Granin, Aufbau-Verlag

Jura Rjabinkin, ein 16- jähriger Schüler
Lidia Georgijewna Ochapkina, eine Mutter zweier kleiner Kindern
Georgij Alexejewitsch Knjasew, Leiter des Archivs der Akademie der Wissenschaften der UdSSR

Gleichzeitig mit der Lesung war eine kleine Ausstellung zu sehen. 9 Tafeln zeigten das Schicksal der Leningrader Bürger und Bürgerinnen während der 872tägigen Blockade.






Mark Twerdochlebow

Er stammte aus dem Gebiet Stalino (dem heutigen Donezk) Von Beruf war er Bergmann. Er war verheiratet.
Am 17. Juni 1942 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Im Herbst 1942 brachte man ihn in das Stalag VI K (326) Senne. Dort wurde er registriert und erhielt die Erkennungsmarkennummer 95605.
Man brachte ihn in das Stalag VI A Hemer und dann in das Arbeitskommando 755R Zeche Hansemann in Dortmund Mengede. Er erlitt am 2. Oktober 1943 einen Arbeitsunfall und wurde an der Hand verletzt. Am 15. Februar 1944 erlitt er bei einem Arbeitsunfall schwere Quetschungen am Körper, an denen er starb. Zwei Tage später wurde er auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 7 beerdigt. Er war 31 Jahre alt.

Iwan Pestrikow

Er wurde am 09. Juli 1913 im Gebiet Kirow geboren. Er war verheiratet und in der Landwirtschaft tätig. Als er in am 3. Juli 1941 in Lettland in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, stand er im Rang eines Unterleutnants und war stellvertretender Kompaniechef. Im August 1942 kam er in das Mannschaftsstammlager (Stalag) X B Sandbostel. Dort wurde er registriert und erhielt die Erkennungsmarkennummer 132529. Man brachte ihn am 23. August 1943 in das Stalag VI A nach Hemer und von dort am 28. August 1943 in das Arbeitskommando 756R Zeche Hansa in Dortmund Huckarde. Am 2. November 1943 unternahm er einen Fluchtversuch. Er wurde auf der Flucht erschossen und 2 Tage später auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 3 begraben. Er war 30 Jahre alt.

Erinnerung an sowjetische Kriegsopfer zum Volkstrauertag

Anlässlich des Volkstrauertages setzte der Historische Verein Ar.kod.M e.V. sein Projekt „Holz ist kein Marmor“ fort und stellte am 17. November 2023 um 10.00 Uhr auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg zwei weitere Holztafeln auf.

Erinnert wurde, stellvertretend für die vielen namenlosen sowjetischen Kriegsopfer, an Iwan Pestrikow und Mark Twerdochlebow.

Die Männer waren in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und mussten im 2. Weltkrieg auf Dortmunder Zechen Zwangsarbeit leisten. Ihre Namen, ihre persönlichen Verhältnisse und ihr Weg durch die Lager sind bekannt, denn Kriegsgefangene erhielten in den Lagern Registrierungspapier. Sie sind zudem im Sterbebuch der Stadt Dortmund namentlich genannt. Auf dem Internationalen Friedehof gab es jedoch bisher keinerlei namentliche Erinnerung an die beiden Männer.

Iwan Pestrikow stammte aus dem Gebiet Kirow in Zentralrussland. Als er in am 3. Juli 1941 in Lettland in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, stand er im Rang eines Unterleutnants und war stellvertretender Kompaniechef. Am 28. August 1943 kam er in das Arbeitskommando 756R der Zeche Hansa in Dortmund Huckarde. Er unternahm am 2. November 1943 mit Mitgefangenen einen Fluchtversuch und wurde auf der Flucht erschossen. Er ist auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 3 begraben.

Mark Twerdochlebow kam aus demGebiet Stalino, dem heute Donezk. Von Beruf war er Bergmann. Er geriet 17. Juni 1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Man brachte ihn Arbeitskommando 755R Zeche Hansemann in Dortmund Mengede. Am 15. Februar 1944 erlitt er bei einem Arbeitsunfall schwere Quetschungen am Körper, an denen er starb. Er wurde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 7 beerdigt.

Stellungnahme des Historischen Vereins Ar.kod.M zur aktuellen Situation der Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne

Wie wir erfahren haben, hat es der Kreistag des Landkreises Gütersloh abgelehnt zukünftige eine Beteiligung an den Betriebskosten der „Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne“ zu übernehmen. Der Fortbestand der Gedenkstätte ist damit gefährdet. Der Historische Verein Arkod.M e.V. , der sich mit dem Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener, die während des zweiten Weltkriegs in deutsche Gefangenschaft geraten sind, beschäftigt, hat diese Entscheidung mit Trauer und Empörung zur Kenntnis genommen. Die Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne war in den vergangenen Jahrzehnten einer der wichtigsten Erinnerungsort in ganzem westdeutschen Raum.

Während des 2. Weltkriegs war das Stalag 326 (VI K) Senne im Westen Deutschlands das größte Registrierungslager insbesondere für sowjetische Kriegsgefangenen. Es war darüber hinaus ein Ort an dem Kriegsgefangenen verschiedener Länder gequält und getötet wurden. In Nordrhein-Westfalen gehört es heute zu den wenigen Orten an denen Originalgebäude der Mannschaftsstammlager (Stalag) erhalten geblieben sind. In diesen Gebäuden befindet sich die Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne, die mit einem beispielhaften bürgerschaftlichen Engagement betrieben wird. Dort befindet sich neben einer Ausstellung auch ein Archiv mit Dokumenten. Die Gedenkstätte ist daher von großer Bedeutung für die Erinnerungsarbeit. Während des 2. Weltkriegs gab es in den Wehrkreisen der deutschen Wehrmacht eine große Zahl von Kriegsgefangenenlagern. An sehr vielen Orten sind nicht nur die Gebäude der Lager verschwunden, sondern auch die Erinnerung an die Lager und die Menschen, die hier gefangen gehalten wurden. Insofern ist die Gedenkstätte Stalag 326, die sich in den letzten erhaltenen Gebäuden des Stalag 326 befindet, ein wichtiger Ort der Erinnerung. Sollte ein solcher Eckstein fallen, hat das Auswirkungen auf die Gedenk- und Erinnerungsarbeit in unserem Land.

Unsere Forschungen über verschiedene Arbeitseinsätze und Arbeitskommando von sowjetischen Kriegsgefangenen und verschleppten Zivilisten zeigen geraden die Verbindung zwischen Stalag 326 und anderen Lagern in Westdeutschland. Das Stalag 326 (VI K) Senne war ein Registrierungs- und Musterungslager für Kriegsgefangene. Die als arbeitsfähig befundenen Kriegsgefangenen wurden von hier aus in die Kriegsgefangenenlager im Ruhrgebiet, in die Stalags VI A Hemer und VI D Dortmund, gebracht und von dort in die Arbeitskommandos der Rüstungsindustrie, der Zechen und Stahlwerke. Bereits im Herbst 1941 brachte man die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Stalag 326 (VI K) in das Stalag VI D nach Dortmund.

Einer dieser Kriegsgefangenen war Nikolai Nowikow. Er stammte aus dem Gebiet Leningrad. Als er am 11. Juli 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, war er 32 Jahre alt. Am 16. Oktober 1941 kam er im Stalag 326 (VI K) in der Senne an und wurde dort registriert . Man brachte ihn dann nach Dortmund in das Stalag VI D an der Westfalenhalle. Dort sollte er mit anderen Gefangenen das Lager C aufbauen. Er starb am 6. November 1941 im Stalag VI D und wurde am 11. November auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund begraben.

Ab Herbst 1942 wurden im Ruhrgebiet und Westfalen sowjetische Kriegsgefangene in großer Zahl eingesetzt. Dies geschah auf Verlangen von Vertretern des Ruhrbergbaus und der Stahlindustrie, denn durch die zunehmende Einberufung von Männern zur Wehrmacht bestand ein großer Arbeitskräftemangel.Das Stalag 326 (VI K) Senne wurde nun im Lagersystem der Wehrmacht einer der wichtigsten Ort im Westen Deutschlands für die Registrierung, Musterung und Verteilung von Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit im Ruhrgebiet, in Westfalen und im Rheinland.

Der sowjetische Kriegsgefangene Daniil Kowalenko geriet am 3. Juni 1942 bei Sewastopol in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er wurde im Stalag 326 (VI K) Senne registriert. Man brachte ihn am 11. November 1942 in das Stalag VI A nach Hemer und am 1. Dezember dann in ein Arbeitskommando nach Dortmund auf die Zeche Kaiserstuhl. Nachdem er durch die schwere Arbeit auf der Zeche arbeitsunfähig und krank wurde, kam er am 19. Juni 1944 ins Emsland, in das Stalag VI C Bathorn, wo er kurze Zeit später starb.

Die Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne erforscht seit vielen Jahren das Leben und Leiden der Kriegsgefangenen. Durch ihre Arbeit ist sie für viele Menschen ein wichtiger Ort der Erinnerung geworden. Bis heute wenden sich Familien vom umgekommenen Kriegsgefangenen mit Anfragen an die Gedenkstätte, bis heute betreut die Gedenkstätte diese Familien.

Mit ihrer Arbeit hat die Gedenkstätte seit mehreren Jahrzehnten in der Region, im Westen Deutschland und weit darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungsarbeit geleistet.

Wie Gedenkstätten der KZs Buchwald, Mauthausen oder Auschwitz über den Ort hinaus wirken und den Besucher*innen die Verbrechen der Nazis in Erinnerung bringen, so leistet auch die Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne einen Beitrag zur Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Dies könnte sie umso mehr durch die größeren Möglichkeiten nach der geplanten Neukonzeption und Erweiterung.

Die Gedenkstätte muss erhalten bleiben und erweitert werden, da sie für die Erinnerungsarbeit ein Eckstein ist. Auf diesem Grund bitten wir den Kreistag des Kreises Gütersloh noch einmal dieses Thema zu diskutieren und erforderlichen Mittel bereitzustellen.

Dortmund, 4. Oktober 2023

Ein Besuch auf dem Waldfriedhof in Wanne-Eickel

Jugendliche und Kinder von russischsprachigen Eltern baten den Historische Verein Ar.kod.M um eine Führung auf dem „sowjetischen Feld“ des Friedhofs Wanne-Eickel. Sie hatten festgestellt, dass in der Schule nicht über das Schicksal sowjetischer Kriegsopfer gesprochen wird, deshalb wollten sie mehr über das Schicksal dieser Menschen, die während des zweiten Weltkrieges im Ruhrgebiet ihr Leben verloren haben, erfahren und über die Kriegsverbrechen der Nazis in der Region.

So trafen sich an einem Samstagmorgen um 9.00 Uhr am Eingang zum Waldfriedhof etwa 10 junge Menschen und ihre Eltern mit dem Vorsitzenden des Historischen Vereins Ar.kod. M, Dmitriy Kostovarov. Dass die Jugendlichen bereit waren so früh am Samstag von zuhause aufzubrechen und an dem Rundgang teilzunehmen, zeigt ihr großes Interesse an diesem Thema.

Um zum Ehrenfeld der sowjetische Kriegsopfer zu gelangen, musste die Gruppe den Friedhof durchqueren, denn das Gräberfeld der sowjetischen Kriegsopfer ist, wie auf allen Friedhöfen, am Rand. Auf dem Gräberfeld befinden sich zahlreiche flache Grabsteine, sog. Grabkissen. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs wurden hier 1113 sowjetische Bürger*innen begraben. Heute sind 1266 Namen bekannt, denn nach dem Krieg gab es noch Umbettung von nahegelegenen Friedhöfen. Das Gräberfeld ist in zwei Bereiche unterteilt. Auf dem größeren sind sowjetische Kriegsgefangenen begraben und auf dem kleineren Zivilarbeiter*innen und ihre Kinder. Die Menschen, Kriegsgefangene wie Zivilarbeiter*innen, wurden zur Zwangsarbeit ins Ruhrgebiet verschleppt. Viele kamen ums Leben, weil die Lebens- und Arbeitsbedingungen für sie so hart waren. Viele wurden namenlos begraben. Gab es Namensschilder oder Kreuze auf den Gräbern, so wurden sie oft in der Nachkriegszeit beseitigt.

Die Stadt Herne, mit der Wanne-Eickel seit Januar 1975 zusammengeschlossen ist, hat jedoch dafür gesorgt, dass dieser Ort würdig gestaltet ist. Auf den Gräbern befinden sich Grabsteine mit den Namen der Verstorbenen. Auf diesem Friedhof wird nicht nur der deutsche Kriegsopfer namentlich gedacht, sondern auch der sowjetischen, die andernorts oftmals namenlos bleiben. Dieser Friedhof ist deshalb ein gutes Beispiel für die würdige Gestaltung von Gräbern sowjetischer Kriegsopfer.

Um die namentliche Erinnerung bemüht sich auch ein Projekt das Schulen gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge durchführen, berichtete Dmitriy Kostovarov. Die Schüler*innen forschen nach Namen sowjetischer Kriegsopfer und erstellen Tonziegel mit den Namen der Verstorbenen. Diese Tonziegel werden als Ziegelstelen oder -tafeln auf den jeweiligen Friedhöfen aufgestellt.

Die Jugendlichen waren überrascht, welche Recherchemöglichkeiten es gibt und wie viele Originaldokumente in den verschiedenen Archiven heute zugänglich sind. Der Historische Verein Ar.kod.M hat in den vergangenen Jahren viele umfangreiche Recherchen durchgeführt. Er hat zudem Familien aus der ehemaligen Sowjetunion dabei geholfen ihre während des 2. Weltkriegs im Ruhrgebiet ums Leben gekommene Angehörige zu finden und die Familien beim Besuch des Grabes unterstützt und begleitet.

Der Rundgang hat das Interesse der Jugendlichen geweckt, bei einem kleinen Picknick verabredeten sie ein weiteres Treffen.

Die Gräber sind Rasenflächen

Ar.kod.M legte auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund Blumen nieder

Bisher sind die Gräber von mehreren tausend sowjetischen Kriegsopfern auf dem Internationalen Friedhof in Dortmund weitläufige Rasenflächen, nur sehr wenig erinnert an die Menschen, keine Grabinschrift mit ihrem Namen, kein Grabstein und kein Kreuz.

Im Rahmen der Aktion „Holz ist kein Marmor“ hat Ar.kod.M Holztafeln mit den Namen einiger weniger Verstorbener an ihren Gräbern aufgestellt. Damit soll an die lange geplante Aufstellung der Namensstelen erinnert werden. Ar.kod.M legte nun an den Namenstafeln Blumen nieder um der Verstorbenen zu gedenken und die Aufstellung der Namensstelen anzumahnen.

117 Kinder sind auf dem Internationalen Friedhof begraben. An zwei Kinder, die nur wenige Monate alt wurden, erinnern Namenstafeln.

Und sorget Ihr, die Ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibt

Am 2. September fand auf dem Friedhof des Stalag VI K in Stukenbrock die Mahn-und Gedenkstunde zum Antikriegstag 2023 statt. Der Obelisk auf dem Friedhof erinnert daran, dass dort 65.000 sowjetische Kriegsopfer begraben sind. Die meisten wurden im nahen Kriegsgefangenenlager Stalag (326) VI K ums Leben gebracht. Die Verstorbenen stammen aus allen 15 Sowjetrepubliken. Sie wurden Opfer des Vernichtungskrieges, den Deutschland gegen die Sowjetunion und die sowjetischen Menschen führte.

Etwa 200 Menschen aus der Region und aus ganz Nordrhein-Westfalen waren gekommen um an der Mahn- und Gedenkstunde teilzunehmen und Blumen an den Gräbern niederzulegen. Eingeladen hatte der Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“.

Prof. Dr. Normann Paech, Völkerrechtler aus Hamburg und in diesem Jahr Hauptredner, mahnte die Erinnerung an die sowjetischen Kriegsopfer an. Heute verneigen wir uns in Erinnerung an die Toten vor ihren Gräbern, doch dies macht nur Sinn, wenn wir unserer Verantwortung gerecht werden. Unsere Verantwortung ist Frieden mit Russland, nicht Krieg mit Russland, ist der Schutz des Lebens und der Städte, ist Interessenausgleich. Der Kriegslogik muss eine Friedenslogik entgegengesetzt werden.

Eine Inschrift auf dem Friedhof mahnt die Besucher*innen  angesichts der tausenden Kriegsopfer: »Und sorget Ihr, die Ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibt, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern«.

Ankunft im Lager Stukenbrock

Vor einiger Zeit besuchte ich in der Gedenkstätte Stalag 326 einen Fotoworkshop. Wir wollten Eindrücke vom ehemaligen Kriegsgefangenenlager in der Senne gewinnen, dazu haben wir die letzten erhalten Gebäuden auf dem ehemaligen Lagergelände und Erinnerungsorte in der Umgebung fotographische festgehalten. So suchte ich auch den Bahnhof Hövelhof auf und ging ein Stück auf dem Russenpad.

Im Sommer 1941 und in den Jahren bis zum Ende des 2. Weltkriegs kamen mehrere hunderttausend zumeist sowjetische Kriegsgefangene in das Kriegsgefangenenlager Stalag 326. Erschöpft nach einer tagelangen Fahrt, hungrig und durstig, erreichten die Gefangenen den Bahnhof des Städtchens Hövelhof. Die Männer hatten in überfüllten Waggons, oft ohne Nahrung und Wasser, eine Weg vom 1500 km und mehr aus den Frontlagern in den besetzten Gebieten in Polen und der Sowjetunion hinter sich. In den Frontlagern wurden sie hinter Stacheldraht gefangen gehalten. Die Gefangenen starben vor Hunger, an Verwundungen und Krankheiten. Verletzte und Kranke versorgte man nicht. Gesunde und junge Gefangene wurden mit Güterzügen nach Deutschland zur Zwangsarbeit abtransportiert, so auch in die ostwestfälische Senne. Nach ihrer Ankunft in Hövelhof wurden sie über den sog. Russenpad in das 5 Kilometer entfernte Lager gebracht und von dort zur Zwangsarbeit ins Ruhrgebiet.

Einer der Männer war Pjotr Terentjewitsch Jankowskij. Er berichtet über seinen ersten Tag im Lager Stukenbrock, wie er am Bahnhof in Hövelhof ankommt, auf dem Russenpad ins Lager geht und was im Lager mit den Gefangenen geschieht.

„Neben den Waggons war Gestampfe und deutsches Sprechen zu hören. Sie öffneten die Türen der Waggons. In unsere Wagen strömte kühle Luft mit einem unangenehmen Brandgeruch. Uns wurde übel. Dann kam das Kommando zum Ausladen. Unser Transport war in einem dichten Kreis umringt von deutschen Soldaten, die an Leinen Schäferhunde hielten. Es sah aus, als würden die größten Verbrecher aus den Waggons entladen und nicht wir die Kriegsgefangenen. Auf dem Vorplatz erschienen zusammen mit den Deutschen auch die russischen* Lagerpolizisten in Uniform, die für uns Verräter waren. An der erregenden, nervenzerreißenden Situation konnte man merken, daß uns eine große Unannehmlichkeit bevorstand.“

Bahnhof Hövelhof

„Alles ringsherum war grau, öde, nur Sand und irgendwelche kümmerliche Pflanzen. Grau und finster allein schon die Pfähle, die mit Reihen von Stacheldraht umwickelt waren…“
„Wir holten die Toten und Kranken aus den Waggons und legten sie auf den Platz gegenüber. Während des Ausladens verkleideten wir eilig den Schlitz im Boden unseres Waggons, durch den junge Gefangene auf dem Weg von Winniza* nach Polen geflüchtet waren.“ …

*gemeint ist das Stalag 329 Winnyzja/Ukraine

„Nachdem wir uns in einer Kolonne zu fünf Personen in einer Reihe aufgestellt hatten, kamen wir unter das Kommando eines rothaarigen Lagerpolizisten. Unterdessen waren für die Toten Fuhrwerke zum Bahnhof gekommen. Die Soldaten und die Polizisten vom Lagerschutz warfen die Leichen und auch die Kranken wie Holzstücke auf die Wagen. Sie hoben sogar diejenigen mit auf die Fuhrwerke, die hinter der Kolonne aus Schwäche zurückgeblieben waren. Die Gefangenen blieben stehen, alle erstarrten gleichsam; es gab eine allgemeine Verwirrung. Einige, die dieses unmenschliche Vorgehen nicht mit ansehen konnten, fingen hysterisch an zu schreien. „Warum steht ihr hier? Vorwärts, vorwärts!“ schrie der rothaarige Polizist. Aber die Kolonne bewegte sich nicht von der Stelle, sie stand wie versteinert. Sofort warfen sich die Soldaten auf die Kolonne und ergriffen alle, die geschrien hatten, um sie mit auf den Kastenwagen zu werfen. „Vorwärts, sage ich, vorwärts“, schrie der Rothaarige. „Wenn ihr euch nicht vorwärts bewegt, wird das deutsche Kommando euch alle vernichten, wie Rebellen!“ Und die Soldaten der Bewachung begannen, die Kolonne mit den Gewehrkolben vorwärtszustoßen.“…

in der Übersetzung des Textes wird offensichtlich der Begriff „russisch“ benutzt wenn „sowjetisch“ gemeint ist, hier handelt es sich wohl um sowjetische Kriegsgefangene, die als Hilfspolizisten im Stalag arbeiteten

Eindrücke vom sog. Russenpad

„Wir hielten endlich auf dem Lagerplatz an.“…„Überall sah man Stacheldraht, dieses Symbol der faschistischen „neuen Ordnung“. Entlang dem Drahtzaun befanden sich Türme, die mit Maschinengewehren und Scheinwerfern bestückt waren. Auf den Türmen standen Wachposten mit Stahlhelmen und in mausgrauen Uniformen. Das waren die Wachen der „neuen Ordnung“. Hinter dem Zaun niedrige Holzplattenbaracken, je drei Baracken in einem Abteil. Zwischen den Abteilen erneut Draht, soweit das Auge reichte. Dieser Art war der erste Eindruck vom Lager Stuckenbrock, diesem faschistischen Todeslager, wo Tausende Angehörige der Roten Armee und Soldaten aus anderen Ländern Europas in der Gefangenschaft gehalten wurden.“…

…Auf dem Appellplatz fragte der Lagerkommandant sich an die Kolonne wendend: „hat jemand Fragen?“ … Aus den Reihen den Gefangenen ertönte eine Stimme: „Herr Kommandant, wir sind Gefangene, aber wir werden nicht behandelt wie Gefangene“. …. Es trat ein Man zwischen 40 und 45 Jahren vor. Auf seine Schultern hing leere Tasche  aus hausgewebter Leinwand. „Ich habe einen Passierschein.“ Der Faschist beachtete das Papier nicht. Er schrie: „Weg, weg!“ Und mit alle Kraft trat er den Gefangenen mit dem Fuss in den Bauch“….  „Das Papier, das der Gefangenen fallenlassen hatte, als die Polizisten ihm abführten, lag auf dem Boden“….„Ich werde dieses Papier suchen und es aufheben, entschloss ich mich. Nach dem Weggehen der Deutschen verteilten wir uns auf dem Platz und ich fand es bald. Wir lasen es laut vor. Der Inhalt war ungefähr folgender: Das deutsche Kommando schlug russische* Soldaten vor, sich zu ergeben und in Gefangenschaft zu gehen. Alle Gefangenen versprach es die Sicherheit für ihr Leben, gute Behandlung und ausreiche Ernährung. Niemand sagte zu dem Inhalt dieses Schreibens etwas; alle hörten schweigend zu“.

**gemeint sind sowjetische Kriegsgefangene

„Die Pause dauerte nicht lange. Die Lagerpolizisten kommandierten: „Antreten in Fünferreihen!“ Sie zählten nach und teilten für je zehn Leute eine Person zum Essenempfang ein. Die Ausgezählten gingen um das Essen zu holen. Mittagessen ist in den Kriegsgefangenenlagern ein relativer Begriff. Das, was die Faschisten für unsere Kriegsgefangenen zubereiteten, war besonders für uns Neuankömmlinge eine Zumutung. Die Mängelernährung in den Lagern war eines der Elemente der physischen Vernichtung von Sowjetbürgern. Das war klar ersichtlich an diesem „Mittagessen“, das sie aus der Lagerküche brachten. Diese „Balanda“ (Wassersuppe) war unmöglich zu essen. Sie wurde zubereitet aus eingesäuerter, verfaulter Steckrüben- und Futtermasse. Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, das während einer Hungersnot um seine Existenz fürchtet und sich zwingen kann, das zu essen, was kein Tier zu sich nehmen würde. Aber diese Balanda konnte niemand essen. Nur das „Brot“ wurde aufgegessen. Es war aus getrockneten Zuckerrübenschnitzeln unter Zusatz von Holzspänen gebacken worden.“…

Erhaltene Verbotsinschriften in der Entlausung im Text „Lagerbad“

„An der Grenze der menschlichen Kraft, ermüdet, hungrig, ausgezehrt vom langen Unterwegssein …, führten sie uns nun noch in das Lagerbad zur sanitären Behandlung. Vor dem Eingang in das Bad ließen sie uns in Reih und Glied antreten und ein deutscher Soldat erklärte uns die Ordnung für den Durchlauf.“…

Innenansicht aus der Entlausung

Die Köpfe schoren sie uns kahl. Die Haare an den übrigen Köperteilen sollten wir uns selbst abrasieren. Im Auskleideraum nahmen uns Kriegsgefangene unsere Kleidungsstücke ab. Danach gaben sie uns auf Befehl eines Deutschen Rasiermesser, die stumpf waren. Wie sollte man es wohl schaffen mit solchen stumpfen Rasiermessern am eigenen Körper, wo nur Haut und Knochen waren, die Haare abzurasieren? Und dazu kam noch, daß von Hunger, von der ungeheuren Müdigkeit und von der starken nervlichen Anspannung die Hände zitterten und nichts halten konnten. Bald kamen zu uns zwei Arbeiter des Bades: „Los, Kinder, rasieren solange der Deutsche nicht da ist! Wir machen auch die Messer ein bißchen schärfer; wir ziehen sie ab!“ Als sie zurückkamen, begannen sie selbst, uns am Körper die Haare abzurasieren.“

Die hier veröffentlichten Auszüge des Augenberichts „Der erste Tag des Aufenthaltes im Lager Stukenbrock – Aus den Aufzeichnungen des ehemaligen Gefangenen P.T. Jankowskij“ ist dem Buch „Das Lager 326 – Augenzeugenberichte, Fotos, Dokumente“, entnommen. Herausgeber ist der Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock e.V., Porta Westfalica, 1988, die Rechtschreibung im Text wurde beibehalten

Stepan Iwanowitsch ist unser Verwandter

Der Historische Verein Ar.kod.M erhielt vor kurzem eine Nachricht in der stand: „In einer von Ihnen erstellten Namensliste für den internationale Friedhof Dortmund, haben wir den Namen unseres Großvater gefunden. Leider ist der Name falsch geschrieben- Rebuschapka, aber alle anderen Daten sind eindeutig vom ihm. Stepan Iwanowitsch ist unser Verwandter“. Der Nachricht war seine Photographie beigefügt. Stepan Rjaboschapka starb am 1. Februar 1943 in Dortmund.

Er stammte aus dem Gebiet Odessa, wo er 1898 geboren wurde. Im Sommer 1941 wurde er zur Roten Armee eingezogen. Im Sommer 1942 war er in Rostow am Don. Dort tobte eine erbitterte Schlacht. Die Rote Armee versuchte die Stadt, die sie im Herbst 1941 von der deutschen Wehrmacht zurückerobert hatte, zu verteidigen, musste sich aber Ende Juli geschlagen geben. Stepan Rjaboschapka geriet am 14. Juli 1942 bei der Verteidigung Rostows in deutsche Kriegsgefangenschaft. Man brachte ihn in das 1000 km entfernte Stalag 358 Schitomir. Die Gefangenen mussten lange Fußmärsche zurücklegen. Sie erhielten kaum Verpflegung und Wasser. Der Transport mit der Bahn geschah oft in offenen Waggons. Von Stalag 358 Schitomir brachte man ihn für den Arbeitseinsatz im Ruhrgebiet in das 1500 km entfernte Stalag 326 Senne.  Nach den Strapazen eines taglangen Transports ohne ausreichende Nahrung in überfüllten Waggons in sommerlicher Hitze waren die Männer geschwächt, fast verhungert und verdurstet. Vom Stalag 326 kam er nach Dortmund in das Stalag VI D, um zur Arbeit in den Stahlwerken und Rüstungsbetrieben in Dortmund und Umgebung eingesetzt zu werden. Stepan Rjaboschapka starb am 1. Februar 1943 nach nur 201 Tagen in deutscher Kriegsgefangenschaft. Man begrub ihn auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg. Er war 45 Jahren alt und hinterließ eine Ehefrau und 6 Kinder, seine jüngste Tochter war 6 Jahre alt als sie ihren Vater verlor. Elena Rjaboschapka und ihre Kinder blieben jahrzehntelang im Ungewissen. Sie hatten keine Nachricht von ihrem Ehemann und Vater.

Erst nach 80 Jahren fand seine Familie in einer Liste sowjetischer Kriegsopfer des Internationalen Friedhofs in Dortmund seinen Namen. Seine Enkeltochter Natalja wandte sich an den Historischen Verein Ar.kod.M und bat in ihrer Nachricht auch: „Senden Sie uns ein Foto von seinem Grab. Seine Tochter, das letzte von 6 Kindern, lebt heute noch in der Region Odessa. Sie ist 86 Jahre alt und würde sich sehr über ein solches Foto freuen. Meine Schwester lebt zur Zeit in Flensburg und würde gerne irgendwann nach Dortmund kommen, um das Grab zu besuchen.“

Stepan Iwanowitsch Rjaboschapkas  Grab liegt am baumbestandenen, efeubewachsenen Rand des Internationalen Friedhofs am Rennweg in Dortmund. Dort erinnert nun eine Photographie mit seinem Namen an ihn.