Für die Errichtung eines Erinnerungsortes am ehemaligen Stalag VI D Dortmund

Im Zuge des Erweiterungsbaus der Westfalenhalle werden archäologische Untersuchungen auf einem historisch bedeutsamen Gelände durchgeführt. Dabei rückt ein Ort in den Fokus, der für die Geschichte Dortmunds und des nationalsozialistischen Zwangsarbeitssystems von großer Bedeutung ist. Hier befand sich von Herbst 1939 bis zum Frühjahr 1945 das Mannschaftsstammlager
(Stalag) VI D, ein Kriegsgefangenenlager des Wehrkreises VI. Hunderttausende Kriegsgefangene aus Polen, Frankreich, Belgien, Serbien und der Sowjetunion durchliefen das Lager und wurden von dort zur Zwangsarbeit im östlichen Ruhrgebiet, Münsterland und Sauerland eingesetzt. Im September 1944 waren dem Stalag VI D mehr als 77.000 Gefangene in bis zu 600 Arbeitskommandos unterstellt. Sie arbeiteten in Stahlwerken, Industrie und Handwerk, der Landwirtschaft sowie in kirchlichen und kommunalen Einrichtungen. Das Lager war ein Ort des Leidens und Sterbens: Mehr als 3.000 sowjetische Kriegsgefangene und mehr als 700 italienische Militärinternierte kamen hier ums Leben. Sie wurden auf dem damaligen Ausländerfriedhof, dem heutigen Internationalen Friedhof, beigesetzt.

Die aktuellen archäologischen Funde machen einen Ort sichtbar, der lange Zeit kaum im öffentlichen Bewusstsein der Stadt Dortmund und seiner Bürgerinnen und Bürger präsent war. Sie eröffnen die Chance, die Geschichte des Stalag VI D und das Schicksal der dort inhaftierten Kriegsgefangenen wissenschaftlich weiter aufzuarbeiten und dauerhaft im Gedächtnis der Stadt zu verankern. Deshalb müssen die archäologischen Untersuchungen mit der notwendigen Sorgfalt fortgeführt werden und die Zeit erhalten, die sie benötigen. Die Stadt Dortmund trägt als Eigentümerin der Westfalenhalle und des Messegeländes eine besondere Verantwortung für diesen historischen Ort. Aus dieser Verantwortung erwächst die Verpflichtung, die Geschichte des ehemaligen Stalag VI D sichtbar zu machen und einen würdigen Umgang mit diesem Ort zu gewährleisten. Ein sichtbarer und öffentlich zugänglicher Erinnerungsort am historischen Standort bietet die Möglichkeit, an das Schicksal der Kriegsgefangenen zu erinnern und die Bedeutung des ehemaligen Stalag VI D für die Geschichte Dortmunds und des nationalsozialistischen Zwangsarbeitssystems dauerhaft zu vermitteln. Die Entwicklung eines Erinnerungsortes braucht den Dialog mit der Stadtgesellschaft. Insbesondere zivilgesellschaftliche Akteure müssen frühzeitig in die Diskussion über die Gestaltung und die inhaltliche Ausrichtung des Erinnerungsortes einbezogen werden. Ein solcher Beteiligungsprozess braucht Zeit und sollte von Beginn an eingeplant werden.

Wir fordern Rat und Verwaltung der Stadt Dortmund auf,

  • die laufenden archäologischen Untersuchungen mit der erforderlichen Sorgfalt fortzuführen und bis zu ihrem fachlich gebotenen Abschluss zu ermöglichen;
  • die Einrichtung eines sichtbaren und öffentlich zugänglichen Erinnerungsortes am historischen Standort des ehemaligen Stalag VI D als städtisches Ziel zu beschließen;
  • die Ergebnisse der archäologischen und historischen Forschungen in die weitere Planung einzubeziehen;
  • die Dortmunder Zivilgesellschaft sowie die Herkunftsstaaten der Kriegsgefangenen frühzeitig und umfassend in die Entwicklung des Erinnerungsortes zu beteiligen
  • die Errichtung und Eröffnung des Erinnerungsortes zum Stalag VI D zeitgleich mit der Eröffnung der Hallen des neuen Bauabschnitts sicherzustellen

Die aktuellen archäologischen Funde bieten die einmalige Chance, einen lange übersehenen historischen Ort sichtbar zu machen. Diese Chance sollte Dortmund nutzen.