Stepan Gozakow

Stepan musste auf den Zechen Hansemann und Minister Stein in Dortmund Zwangsarbeit leisten. Er war 35 Jahre alt, als er auf der Zeche Minister Stein einen schweren Arbeitsunfall erlitt und an einer Kopfverletzung starb.

Er wurde am 30. Juli 1909 im Dorf Tursona im Westen Russlands geboren. Dort lebte er mit seiner Familie. Als Beruf gab er Müller an. Als er, nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, zur Roten Armee einberufen wurde, war er 32 Jahre alt. Er gehörte einer motorisierten Brigade an. Anfang Juli 1943 begannen die Kämpfe am Kursker Bogen. Auch Stepans Brigade nahm daran teil.  Am 11. Juli 1943 geriet er unverletzt in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Zunächst brachte man ihn in das Mannschaftsstammlager (Stalag) 301 in Schepetowka im Westen der Ukraine. Schon nach kurzer Zeit wurde er ins Deutsche Reich gebracht. Hunger, Durst und sommerliche Hitze quälten die Männer auf der Fahrt  in den engen Viehwagons. Auf der tagelangen Fahrt erhielten die Männer kaum Verpflegung und Wasser. Am 2. August kam Stepan im Stalag 326 Senne in Ostwestfalen an. Dort wurde er registriert und erhielt die Erkennungsmarken-Nummer 124190. Auch das Stalag 326  war für ihn nur eine Durchgangsstation.

Ankunft im Ruhrgebiet

Am 13. August 1943 kam er in das Stalag VI A nach Hemer im nördlichen Sauerland und kurze Zeit darauf in das Arbeitskommando 755R Zeche Hansemann in Dortmund Mengede. Seit seiner Gefangennahme waren 5 Wochen vergangen. Die Zechenbesitzer drängten darauf immer mehr sowjetische Kriegsgefangene auf den Zechen des Ruhrgebiets einzusetzen, denn durch die weitere Einberufung von Bergleuten zur Wehrmacht, für den Krieg, wurde der Arbeitskräftemangel immer größer. Bis zum 1. Juni 1944 blieb Stepan auf der Zeche Hansemann, dann wurde er in das Arbeitskommando 604R Zeche Minister Stein versetzt. Beide Zechen befanden sich im Besitz der Gelsenkirchener Bergwerks AG, einer Beteiligungsgesellschaft der Vereinigten Stahlwerke. Am 16. August 1944 hatte Stepan einen Arbeitsunfall und erlitt schwere Kopfverletzungen, an denen er kurze Zeit später starb.

Sein Tod wurde im Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“ unter der Nr. 2994 registriert. Am 19. August begrub man ihn auf Feld 8, Grab 5, auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg. 

Zwangsarbeit im Ruhrbergbau

Als Hitlerdeutschland am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, ging nicht nur darum, den Sowjetstaates zu beseitigen und die Menschen zu versklaven. Millionen Menschen sollten ermordet werden. Der Vernichtungskrieg gegen Sowjetunion und die Menschen dort wurde aber nicht nur im Osten geführt, sondern er setzte sich im Deutschen Reich fort. Millionen sowjetische Bürger*innen wurden verschleppt und mussten Zwangsarbeit leisten. Viele kamen ins Ruhrgebiet und ins Rheinland und mussten auf Zechen, in Stahlwerken und Rüstungsbetrieben schuften. Ein besonders hartes Schicksal hatten die sowjetischen Kriegsgefangenen.

Die deutsche Schwerindustrie profitiert

Kohle war für die Stahlwerke und Rüstungsbetriebe der wichtigste Energieträger. Im Ruhrgebiet gab es in den 1930ziger Jahren mehr als 120 Zechen. Um den Energiebedarf für die Stahlwerke und Rüstungsbetriebe zu sichern und den Arbeitskräftemangel, der durch die zunehmende Einberufung von Bergleuten zur Wehrmacht entstanden war, zu beseitigen, forderte die Reichsvereinigung Kohle bereits im Sommer 1941 sowjetische Kriegsgefangene verstärkt im Bergbau einzusetzen. Die Reichsvereinigung Kohle wurde im Frühjahr 1941, auf Vorschlag der Industrie, gegründet. Beteiligt waren u.a. Alfred Krupp und Friedrich Flick. Vorsitzender wurde Paul Pleiger, der aus Witten stammte. Er war ein sehr hoher Nazifunktionär und wurde nach dem Krieg wegen Verbrechen gegen den Frieden, Plünderung und Beteiligung an Zwangsarbeiterprogrammen angeklagt und zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verteilt. Er kam jedoch bereits 1951 frei.


Mit ihrer Forderung sowjetische Kriegsgefangene auf den Zechen einzusetzen, hatte die Reichsvereinigung Kohle im Sommer 1942 Erfolg. Zur schnellen Zuweisung der Gefangenen funktionierte die Wehrmacht im Oktober 1942 das Stalag VI A (Mannschafts-stammlager) im sauerländischen Hemer zu einem speziellen „Bergbaulager“ um. Bereits im Herbst 1942 wurden sowjetische Kriegsgefangene in großer Zahl aus anderen Stalags in das Stalag VI A gebracht und von dort kamen sie sofort in die Arbeitskommandos, die sich ganz in der Nähe der Zechen befanden. Auch in Dortmund, u.a. auf Zeche Kaiserstuhl, die damals Hoesch gehörte, oder auf den Zechen der Gelsenkirchener Bergbau-AG, wurden sowjetische Kriegsgefangene in großer Zahl eingesetzt. Die Gelsenkirchener Bergbau-AG (GBAG) wurde in den 1930er Jahren als Betriebsgesellschaft für die Zechen der Vereinigten Stahlwerk AG gegründet. Erster Vorsitzender des Aufsichtsrates war Albert Vögler, Vorstandsvorsitzender war Gustav Knepper, der bekennender Nazi war und für seinen Umgang mit den Zwangsarbeitern das Kriegsverdienstkreuz erhielt. 1942 wurde Otto Springorum sein Nachfolger. Ehrenvorsitzender war der ehemalige Chef der GBAG Emil Kirdorf. In Dortmund gehörten der GBAG sechs vom  elf Zechen: Westhausen, Hansa, Minister Stein, Adolf von Hansemann, Zollern/Germania und Fürst Hardenberg.

Sklavenarbeit im Ruhrbergbau

Im Frühjahr 1943 dürften auf den 11 Dortmunder Zechen jeweils bis zu 500 sowjetische Kriegsgefangene in den Arbeitskommandos, in umzäunten und bewachten Lagern, gewesen sein.

Ohne ausreichende Ernährung, ohne geeignet Kleidung, ohne eine entsprechende Unterkunft und die notwendige Gesundheitsversorgung mussten die Gefangenen auf den Zechen schuften. Sie waren ständigen Demütigungen und Bestrafung ausgesetzt. Bombenangriffen waren sie ausgeliefert, da es ihnen nicht erlaubt war Schutzräume aufzusuchen. Bereits nach kurzer Zeit waren die Gefangenen aufgrund der schweren Arbeit und katastrophalen Lebensbedingungen völlig entkräftet und krank. Sie wurden in das Lazarett des Stalag VI D an der Westfalenhalle in Dortmund gebracht, wo viele starben und auf dem Ausländerfriedhof anonym begraben wurden.


Im Sommer 1944 schufteten rd. 94.000 sowjetische Kriegsgefangene im Ruhrbergbau. Die Gelsenkirchener Bergbau-AG und alle anderen Eigner der Zechen haben von der Sklavenarbeit sowjetischer Kriegsgefangener erheblich profitiert. Ebenso profitiert hat die Wehrmacht, die für jeden Gefangenen, der in der Industrie oder in die Landwirtschaft schuften musste, von den Unternehmen Geld erhielt. Über die Wehrmacht profitierte der faschistische Staat von den Gefangenen.

Die Opfer der Zwangsarbeit wurden schnell vergessen

In der Nachkriegszeit wurden die Menschen, die Opfer der Zwangsarbeit wurden, schnell vergessen. Nach ihnen wurde nicht geforscht, ihre Gräber wurden eingeebnet, ihre Namen wurden nicht genannt und blieben vielfach unbekannt. Das setzt sich bis heute fort, auch in Dortmund. Auf dem Internationalen Friedhof wird das Ausmaß des Sterbens und die Anzahl der sowjetischen Kriegsopfer bis heute nicht deutlich und die verstorbenen sowjetischen Bürger*innen haben auch 77 Jahre nach dem Ende des Krieges in der Öffentlichkeit keinen Namen. Die lange geplante Errichtung von Namensstelen für die sowjetischen Kriegsopfer ist bis heute nicht erfolgt. Inzwischen wurde das Projekt, nach Aussagen der Stadt Dortmund, wegen des Kriegs in der Ukraine zurückgestellt.