Nikolaj Scharpan

Kinder waren unerwünscht

Nikolaj Scharpan starb am 21. September 1944 um 19.45 Uhr.

Der kleine Nikolaj wurde am 16. März 1944 geboren. Wer seine Eltern waren, ist nicht bekannt. Als Wohnort wird in seiner Sterbeurkunde „Springorumstraße 51“ angegeben. Wahrscheinlich musste seine Mutter Zwangsarbeit auf der Westfalenhütte leisten.

Unter den Millionen Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt wurden, waren viele junge Frauen. Aus deutscher Sicht zählte nur die Arbeitskraft der Frauen. Kinder waren weder vorgesehen noch erwünscht. Wenn die Frauen schwanger waren, wurden sie in speziellen Entbindungslagern zur Abtreibung gezwungen oder sie mussten unter primitivsten Bedingungen ihre Kinder zur Welt bringen. Die Kinder von Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion kamen ab 1943 meist in „Ausländerkinder-Pflegestätten“, wo die Sterblichkeit durch gezielte Vernachlässigung hoch war.

Kinder von Zivilarbeiterinnen hatten ein kurzes Leben

Unweit von Dortmund wurde 1943 in Waltrop-Holthausen ein Entbindungslager eingerichtet. Es war eines der größten Entbindungs- und Abtreibungslager im damaligen Deutschen Reich. 1.273 Kinder kamen im zweiten Weltkrieg im Entbindungslager Holthausen für Zwangsarbeiterinnen zur Welt. Nicht einmal die Hälfte dieser Neugeborenen überlebte. In einer Notiz des Emsdettener Dechanten heißt es: „Die unehelichen Zivilarbeiterinnen, […] die im hiesigen Dekanat vielfach in den Textilfabriken tätig sind, werden vor der Niederkunft durchweg in eine Anstalt nach Waltrop geschickt. […] Eines kann aber festgestellt werden, daß nämlich fast alle hier getauften Kinder von Zivilarbeiterinnen aus dem Auslande schon kurze Zeit nach der Taufe sterben.“

Nikolaj lebte nur 6 Monate. Als Todesursache ist auf seiner Sterbeurkunde Keuchhusten angegeben. Für Babys ist Keuchhusten eine tödliche Krankheit. Der kleinen Körper kann sich noch nicht gegen die Krankheit wehren, zumal wenn er geschwächt ist. Man brachte Nikolaj noch in das Kinderkrankenhaus auf der Beurhausstraße. Dort konnte man ihm nicht mehr helfen.

Nikolaj wurde auf dem Internationalen Friedhof begraben. Auf dem Internationalen Friedhof gibt es 117 Kindergräber.