Namenslesung am 21. Juni 2026 von 14 bis 20 Uhr auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund

Anlässlich des  85. Jahrestags des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion wollen wir mit der Verlesung der 4.472 uns bis heute bekannten Namen an die Menschen erinnern, die aus der Sowjetunion zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden und in Dortmund ums Leben kamen.

Ehrenmahl auf dem Internationalen Friedhof in Dortmund

Am 22. Juni 1941 griff Deutschland die Sowjetunion an und überzog die eroberten Gebiete mit einem bespiellosen Vernichtungskrieg. Die sowjetische Gesellschaft sollte zerstört und die Eliten sollten vernichtet werden. Die Menschen sollten verhungern oder versklavt werden oder aus ihrer Heimat vertrieben werden. Die Wehrmachtsführung erarbeitete die Befehle für diese Kriegsführung. Diese Befehle verlangten rücksichtsloses Durchgreifen gegen die einheimische, insbesondere die  jüdische Bevölkerung, sie ermöglichten die massenhafte Ermordung von Zivilist*innen und Kriegsgefangenen. Mindesten 16.000.000 Zivilistinnen und Zivilisten und 11.000.000 Rotarmistinnen und Rotarmisten wurden während des Krieges gegen die Sowjetunion ums Leben gebracht.

Millionenfache Zwangsarbeit im Deutschen Reich

Doch dieser  Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion setzte sich auch im Deutschen Reich fort. Mindestens 5.000.000 Menschen aus der Sowjetunion mussten in  Deutschland Zwangsarbeit leisten. Sie wurden überall eingesetzt:  in der Rüstungsindustrie, in kommunalen und kirchlichen Einrichtungen, in der Landwirtschaft, bei der Reichsbahn, in Handwerksbetrieben, in Fabriken und Stahlwerken und im Bergbau. Sie waren für die deutsche Bevölkerung überall sichtbar. Es waren vor allem Mädchen und junge Frauen, aber auch Jungen, Familien und alte Menschen wurden ins Deutsche Reich verschleppt. Das Leben dieser Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen war geprägt von harter Arbeit, schlechter Verpflegung, mangelnde gesundheitlicher Versorgung, rassistischer Verfolgung und ständigen Demütigungen. Die Menschen starben an Hunger, an nicht behandelten Krankheiten, bei Arbeitsunfällen oder bei Fliegerangriffen, denen sie schutzlos ausgesetzt waren. Die Verstorben wurden oft ohne Nennung ihres Namens am Rand eines nahegelegenen Friedhofs begraben.

Sinaida Bakumenko stammte von der Krim. Sie musste auf der Zeche Westhausen I Zwangsarbeit leisten. Sinaida starb am 8. März 1945 im Bombenhagel. Sie wurde auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 13 begraben. Sinaida war 22 Jahre alt.

Grigorij Petrischin stammte aus dem Kreis Petrow im Westen Russlands. Er muss für den Dortmund-Hörder Hüttenverein Zwangsarbeit leisten. Grigorij starb in der Nacht zum 11. September 1942. Er wurde auf den Internationalen Friedhof in Dortmund auf Feld 4 begraben. Grigorij war 16 Jahre alt.

Auch nahezu 2.000.000 sowjetische Kriegsgefangene mussten während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit leisten. Sie wurden in  Kriegsgefangenenlagern (Mannschaftsstammlager, abgekürzt Stalag) gefangen gehalten. In den von der Wehrmacht verwalteten Lagern waren Gefangene aus Polen, Frankreich, Belgien, Italien, Serbien und der Sowjetunion nach Nationalitäten getrennt untergebracht. Eines dieser Lager war das Stalag VI D an der Dortmunder Westfalenhalle. Hunderttausende Kriegsgefangene durchliefen von 1939 bis 1945 das Lager, dem am 1. September 1944 rund 78.000 Männer zugewiesen waren. Von dort wurden die Gefangenen in Arbeitskommandos im Ruhrgebiet, Münsterland und Sauerland gebracht, wo sie in Industrie, Landwirtschaft sowie öffentlichen Einrichtungen und für die Wehrmacht Zwangsarbeit leisten mussten. Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen war besonders schwer. Anders als Gefangene anderer Nationen wurden ihnen die Rechte der Genfer Konvention aus rassistischen Gründen verweigert. Die Nationalsozialisten betrachteten sie als „Untermenschen“ und versorgten sie nur unzureichend mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Viele starben an Hunger, Krankheit und den Folgen harter Arbeit.

Iwan Samsonenko stammte aus dem Dorf Strochowo im Gebiet Kiew. Am 5. Juli 1941 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er starb am 7. Mai 1942 im Stalag VI D in Dortmund und wurde  auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 2 beerdigt. Iwan war 21 Jahre alt.

Wasilij Ageew stammte aus Tatarstan. Er geriet im Juli 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er starb im Dezember 1941 im Stalag VI D in Dortmund und wurde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund beerdigt. Wasilij war 22 Jahre alt.

In Dortmund begrub man die meisten verstorbene sowjetische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen(Kriegsgefangene sowie Zivilarbeiter*innen und deren Kinder) auf dem Ausländerfriedhof. Heute ist der Friedhof als Internationaler Friedhof am Rennweg bekannt.

Nikolaj Scharpan wurde am 16. März 1944 in Dortmund geboren. Seine Mutter musste Zwangsarbeit auf der Hoesch Westfalenhütte leisten. Nikolaj starb am 21. September 1944. Er wurde auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 9 begraben. Insgesamt sind 117 Kindern auf dem Internationalen Friedhof beerdigt.

Erinnern und Gedenken an Opfer des Krieges

Die heute als Internationaler Friedhof am Rennweg bekannte Begräbnisstätte wurde ursprünglich 1922 als jüdischer Friedhof angelegt. Nach der  Vertreibung und Ermordung der Dortmunder Jüdinnen und Juden wurde er zum Ausländerfriedhof. Hier wurden Menschen begraben, die zur Zwangsarbeit nach Dortmund verschleppt worden waren. Zwei Ehrenanlagen erinnern an polnische und serbische Kriegsopfer. Doch auch die ausgedehnten Rasenflächen sind Gräber. Dort ruhen mehrere Tausend Menschen aus der Sowjetunion, die zur Zwangsarbeit ins Ruhrgebiet verschleppt wurden und in Dortmund ums Leben kamen. Der Internationale Friedhof im hinteren Teil des heutigen jüdischen Friedhofs ist eine Kriegsgräberstätte.

Gräberfeld auf dem Internationalen Friedhof

Gab es ursprünglich noch Grabkennzeichnungen an den Gräbern, so wurde der Friedhof in den 1960er Jahren neu gestaltet. Das Mahnmal für die sowjetischen Kriegsopfer, wurde auf den Ausländerfriedhof umgesetzt. Ursprünglich befand es sich am Haupteingang des Hauptfriedhofs. Kurz nach dem 2. Weltkrieg wurde es von überlebenden sowjetischen Bürger*innen als Erinnerung und Mahnung errichtet. Für die Neugestaltung des Friedhofs waren das Dortmunder Friedhofsamt und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zuständig. Die gekennzeichneten Einzelgräber sowjetischer Kriegsopfer wurden eingeebnet. So entstanden nicht mehr erkennbare, namenlose Gräber auf den weitläufigen Rasenflächen.

Die Einzigartigkeit eines Menschen bewahren

Doch Namen bewahren das Gedenken. Sie verbinden die Lebenden mit den Toten, sie bewahren die Identität eines Menschen und tragen die Erinnerung über seinen Tod hinaus. Immer noch fehlt für die meisten sowjetischen Kriegsopfer auf dem Internationalen Friedhof eine namentliche Erinnerung. Mit der Verlesung der 4.472 uns bis heute bekannten Namen erinnern wir an Menschen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden und in Dortmund ums Leben kamen. Das Gedenken an sie ist Ausdruck von Respekt und Würde und zugleich ein Zeichen gegen Krieg, Rassismus und die Missachtung der Menschenwürde sowie für Frieden und Verständigung.

Sinaida Bakumenko

Sinaida starb am 8. März 1945 im Bombenhagel. Sie war Ostarbeiterinnen und stammte aus Kertsch, einer Stadt auf der gleichnamigen Halbinsel Kertsch, die den östlichsten Teil der Krim bildet. Wann sie nach Dortmund kam, wissen wir nicht.

Schlechte Verpflegung und wenig Lohn

Über als 2.000.000 Menschen aus der Sowjetunion wurden ab 1941 zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt. Mehr als die Hälfte von ihnen waren junge Frauen. Gemäß Ostarbeitererlass sollten sie eine schlechtere Verpflegung und weniger Lohn erhalten als deutsche Arbeiter und Arbeiterinnen und als alle anderen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Ihnen war verboten den  Arbeitsplatz zu verlassen. Sie durften weder Geld und  Wertgegenstände noch  Fahrräder und Feuerzeuge besitzen. Zudem mussten sie ein diskriminierendes Abzeichen mit der Aufschrift „OST“ gut sichtbar tragen.  

Die sowjetischen Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen wurden bei den Gemeinden und Städten angemeldet und auch ihr Tod wurde dort in die Standesregister eingetragen, daher haben wir eine Sterbeurkunde, die Sinaidas Tod beurkundet.

Die zumeist jungen Menschen, Jugendliche und junge Frauen wussten in Rüstungsbetrieben, Stahlwerken, auf Zechen aber auch in landwirtschaftlichen, kommunalen und kirchlichen Betrieben, in Handwerksbetrieben oder in Haushalten arbeiten. Ihre Anwesenheit und ihre Lebenssituation waren für die deutsche Bevölkerung immer sichtbar. Sinaida musste auf der Zeche Westhausen I Zwangsarbeit leisten.

Kein Zugang zu Schutzräumen

Anfang März 1945 war der Krieg nach Deutschland zurückgekehrt. Die Alliierten starteten im Westen die Luftoffensive „Interdiction of the Ruhr“ (Abriegelung der Ruhr). Der Kampf um das Ruhrgebiet hatte begonnen. Die Städte des Ruhrgebiets, des Rheinlands und Westfalens erlebten schwere Luftangriffe. Essen, Dortmund, Hagen und Witten wurden völlig zerstört. Immer noch war es sowjetischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nicht erlaubt bei Fliegerangriffen Bunker und Schutzräume aufzusuchen. Sie waren den Luftangriffen schutzlos ausgesetzt.

Als Sinaida Bakumenko im Bombenhagel starb, war sie 23 Jahre alt. Sie wurde auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 13 begraben.