Iwan Pestrikow und Wassilij Wasiko

Am 2. November 1943 wagten Iwan Pestrikow und Wassilij Wasiko gemeinsam die Flucht. Beide verloren an diesem Tag ihr Leben.

Iwan Pestrikow stammte aus dem Dorf Sawjalowo im Gebiet Kirow, tausend Kilometer nordöstlich von Moskau. Dort wurde er am 9. Juli 1913 geboren. Er arbeitete in einem landwirtschaftlichen Betrieb, als er im Frühsommer 1941 mobilisiert wurde. Am 22. Juni überfiel Deutschland die Sowjetunion und begann einen Vernichtungskrieg. Bereits 11 Tage nach Kriegsbeginn geriet Iwan, am 3. Juli 1941 in Lettland, in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Wassilij Wasiko stammte aus dem Dorf Gajschin im Gebiet Kiew, wo er am 18. November 1919 geboren wurde. Auch er arbeitete in der Landwirtschaft. Er wurde ebenfalls im Frühsommer 1941 mobilisiert. In der Ukraine, die zur Sowjetunion gehörte,  tobten am Beginn des Krieges heftige Kämpfe. Wassilij wurde  bereits 6. August 1941 von der Wehrmacht gefangen genommen

In Kriegsgefangenschaft

Iwan und Wassilij teilten das Schicksal der Kriegsgefangenschaft mit vielen anderen Rotarmisten. In  den ersten Monaten des Krieges gerieten, während der großen Kesselschlachten bei Minsk, Smolensk, Kiew, Brjansk und Wjasma, 3.000.000 Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Gefangenen blieben unversorgt. Wer auf den Märschen in die frontnahen Lager zurückblieb, wurde erschossen. Die frontnahen Kriegsgefangenenlager waren nicht mehr als mit Stacheldraht eingezäuntes Gelände. Die Gefangenen starben in den Lagern an Hunger, Durst, fehlender Versorgung, an nicht behandelten Verwundungen und Seuchen. Bis zum Februar 1942 wurden 2.000.000 sowjetische Kriegsgefangene in den frontnahmen Lager der Wehrmacht ums Leben gebracht.

Iwan und Wassilij überlebten die ersten Monate ihrer Gefangenschaft. Sie mussten in Baukolonnen der Wehrmacht arbeiten.  Als der Arbeitskräftemangel im Deutschen Reich immer größer wurde, brachte man sie, wie hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene, ins Deutsche Reich.

Ankunft im Mannschaftsstammlager X B Sandbostel

Iwan und Wassilij kamen in das Mannschaftsstammlager (Stalag) X B nach Sandbostel in der Nähe von Hamburg. Im Sommer 1942 kamen dort viele tausende Männer an. Im Lager wurden sie  registriert. Ihre Daten wurden in einer Personalkarte I erfasst und sie erhielten eine Erkennungsmarke mit einer Nummer. So erging es auch Iwan und Wassilij.

Wassilij erhielt die Erkennungsmarken-Nr. X B 126417 und Iwan die Erkennungsmarken-Nr. X B 132529. Das deutet darauf hin, dass Wassilij einige Wochen vor Iwan im Stalag X B  Sandbostel ankam. Nach der Registrierung mussten sie in einem der vielen Arbeitskommandos zwischen Weser und Elbe Zwangsarbeit leisten.

Auf den Zechen des Ruhrgebiets

Weil auf den Zechen im Ruhrgebiet Arbeitskräfte fehlten, wurden die Männer auf Bergbautauglichkeit gemustert. Alle bergbautauglichen Gefangenen kamen in das Stalag VI A nach Hemer im nördlichen Sauerland und von dort schnell in die Arbeitskommandos der Zechen im Ruhrgebiet. Diese Reise traten Iwan und Wassilij bereits gemeinsam an. Wahrscheinlich schlossen die beiden auf dem Transport ins Ruhrgebiet Freundschaft. Beide kam Ende August 1943 in das Arbeitskommando 756R Zeche Hansa nach Dortmund Huckarde.

Der Entschluss zur Flucht

Nach kurzer Zeit auf der Zeche fassten sie den Entschluss zur gemeinsamen Flucht. Sie wollten die bedrückenden Lebensverhältnisse, das ständige Strammstehen, die Schikanen und die rassistischen Demütigungen nicht mehr ertragen. Nachdem sie zwei Monaten im Lager waren, unternahmen sie gemeinsam am  2. November 1943 einen Fluchtversuch. Die Flucht gelang nicht. Beide wurden erschossen. Ihr Tod ist im Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“ der Stadt Dortmund unter den Nummern 1991 und 1992 vermerkt.  Auf ihren Personalkarten steht der Eintrag „ infolge Fluchtversuch auf der Flucht erschossen“.

Die Wehrmacht, der sie bis zu ihrem Tod unterstanden, sandte die Personalkarten mit einer Verlustliste an die Wehrmachtauskunftstelle. Iwan und Wassilij wurden am 4. November 1943 auf dem Internationalen Friedhof begraben. Da war Iwan 30  Jahre alt und Wassilij war 24 Jahre alt.

Erinnerung an sowjetische Kriegsopfer zum Volkstrauertag

Anlässlich des Volkstrauertages setzte der Historische Verein Ar.kod.M e.V. sein Projekt „Holz ist kein Marmor“ fort und stellte am 17. November 2023 um 10.00 Uhr auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg zwei weitere Holztafeln auf.

Erinnert wurde, stellvertretend für die vielen namenlosen sowjetischen Kriegsopfer, an Iwan Pestrikow und Mark Twerdochlebow.

Die Männer waren in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und mussten im 2. Weltkrieg auf Dortmunder Zechen Zwangsarbeit leisten. Ihre Namen, ihre persönlichen Verhältnisse und ihr Weg durch die Lager sind bekannt, denn Kriegsgefangene erhielten in den Lagern Registrierungspapier. Sie sind zudem im Sterbebuch der Stadt Dortmund namentlich genannt. Auf dem Internationalen Friedehof gab es jedoch bisher keinerlei namentliche Erinnerung an die beiden Männer.

Iwan Pestrikow stammte aus dem Gebiet Kirow in Zentralrussland. Als er in am 3. Juli 1941 in Lettland in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, stand er im Rang eines Unterleutnants und war stellvertretender Kompaniechef. Am 28. August 1943 kam er in das Arbeitskommando 756R der Zeche Hansa in Dortmund Huckarde. Er unternahm am 2. November 1943 mit Mitgefangenen einen Fluchtversuch und wurde auf der Flucht erschossen. Er ist auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 3 begraben.

Mark Twerdochlebow kam aus demGebiet Stalino, dem heute Donezk. Von Beruf war er Bergmann. Er geriet 17. Juni 1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Man brachte ihn Arbeitskommando 755R Zeche Hansemann in Dortmund Mengede. Am 15. Februar 1944 erlitt er bei einem Arbeitsunfall schwere Quetschungen am Körper, an denen er starb. Er wurde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 7 beerdigt.