Das Projekt „Holz ist kein Marmor“

Eine Kriegsgräberstätte in Dortmund

Wer heute den Friedhof am Rennweg in Dortmund betritt, findet im hinteren Teil eine parkähnliche Anlage und weitläufige Rasenflächen vor. Der Friedhof wurde 1922 westlich vom eigentlichen Hauptfriedhof als jüdischer Friedhof angelegt. Nachdem die jüdischen Bürgerinnen und Bürger durch Deportation in den Tod geschickt worden waren, wurde der Friedhof zum Ausländerfriedhof. Er diente als Beerdigungsort für Menschen, die zur Zwangsarbeit nach Dortmund verschleppt wurden. Zwei Ehrenmale erinnern an die Kriegsopfer aus Polen und aus Serbien. Sie tragen die Namen von 157 polnischen und 106 serbischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen.

Die weitläufigen Rasenflächen sind Gräberfelder

Doch auch die weitläufigen Rasenflächen sind Gräberfelder. Hier ruhen mehrere tausende Menschen, die aus der Sowjetunion zur Zwangsarbeit ins Ruhrgebiet verschleppt wurden und in Dortmund ums Leben kamen. In den 1960ziger Jahren wurde dieser Teil des Ausländerfriedhofs neugestaltet. Die mit Kreuzen und anderen Markierungen gekennzeichneten Einzelgräber ebnete man ein. Es entstanden ausgedehnte Rasenflächen. Das Mahnmal, das heute auf dem Friedhof steht, setzte man auf den Ausländerfriedhof um. Es befand sich ursprünglich an exponierter Stelle am Haupteingang des Hauptfriedhofs. Dort wurde es kurz nach dem Krieg von überlebenden sowjetischen Bürger und Bürgerinnen errichtet, zur  Erinnerung und Mahnung für die Dortmunder und Dortmunderinnen.  

Nur wenige namentliche Erinnerungen

Der Ausländerfriedhof am Rennweg wird heute Internationaler Friedhof genannt. Wer diesen Friedhof am Rennweg betritt, findet nur wenige  namentliche Erinnerungen an die sowjetischen Kriegsopfer. Doch bereits seit  2014 ist die Aufstellung von  Namenstelen aus Marmor auf den Gräberfeldern sowjetischer Kriegsopfer geplant. Es wurde  bisher aber aus verschiedenen Gründen nicht umgesetzt. 

2021 hat der Historische Verein Ar.kod.M e.V. das Projekt „Holz ist kein Marmor“ ins Leben gerufen. Es wurde  begonnen, um gegen die schleppende Aufstellung der marmornen Namensstelen ein Zeichen zu setzen. Auf jedem Gräberfeld sollte jeweils für den ersten und für den letzten Menschen, der auf dem jeweiligen Gräberfeld begraben wurde, eine Holztafel mit seinem Namen aufgestellt werden.  

32 Holztafeln auf dem Internationalen Friedhof

Inzwischen stehen 32 Holztafeln auf den Gräberfeldern des Internationalen Friedhofs. Erinnert wird an sowjetische Kriegsgefangene und an sowjetische Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen und ihre Kinder. Diese Menschen mussten in Dortmund Zwangsarbeit leisten, ihnen wurden alle Menschenrechte abgesprochen. Sie litten unter harter Arbeit, fehlender Versorgung und rassistischer Verfolgung. Mehrere Tausend  kamen in Dortmund ums Leben. Sie fanden ihr Grab auf dem Internationalen Friedhof.

Wir stellen hier sieben Menschen vor, die auf dem Internationalen Friedhof beerdigt sind und für die im Rahmen des Projekts „Holz ist keine Marmor“ hölzerne Namenstafeln aufgestellt wurden.

Alexej Schwez

Alexej Schwez war 40 Jahre alt, als er am 6. November 1943 im Mannschaftsstammlager (Stalag) VI D an der Westfalenhalle in Dortmund  starb.

Er stammte aus Gebiet Nikolajew in der Ukraine.
Wann und wo er in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, wissen wir nicht. Im Sommer 1942 wurde er in das Mannschaftstammlager (Stalag) 326 (VI K) Senne in Ostwestfalen gebracht und unter der Nummer 26621 registriert. Hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene durchliefen das Stalag 326 auf dem Weg in die Arbeitskommandos auf den Zechen und in den Rüstungsbetrieben im Ruhrgebiet.

Schwerste Arbeit auf den Zechen des Ruhrgebiets

Die Arbeitsbedingungen auf den Zechen und Betrieben waren sehr hart, ebenso wie die Lebensbedingungen im Arbeitskommando. Obwohl die Männer schwerste Arbeit leisten mussten, erhielten sie Rationen von täglich 2400 Kalorien. Auch die erforderliche Arbeitskleidung erhielten sie sehr oft nicht. Vor und nach der Arbeit mussten sie bei Appellen bei jedem Wetter, in Regen, Schnee oder brennender Sonne, stramm stehen. In den Arbeitskommandos waren sie Baracken untergebracht, die mit bis zu 300 Männern belegt waren. Viele Männer wurden durch die schweren Arbeits- und Lebensbedingungen krank.

Tod im Lazarett

Viele wurden in das Lazarett des Stalag VI D gebracht. Die Gesundheitsversorgung dort war sehr mangelhaft, es gab kaum Medikamente. Der Gesundheitszustand der Kranken verschlechterte sich wegen der fehlenden Versorgung auch im Lazarett oft noch stetig. So starben viele sowjetischen Kriegsgefangenen im Lazarett des Stalag VI D.  Die Verstorbenen wurden auf dem Internationalen Friedhof begraben. In das Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“ trug das Friedhofsamt der Stadt Dortmund sie mit dem Vermerk „Unbekannt Stalag VI D“ ein. Insgesamt finden sich im Sterbebuch mehr als 3000 Einträge mit diesem Vermerk.

Alexej Schwez starb am Nachmittag des 6. Novembers 1943 im Mannschaftsstammlager (Stalag) VI D Dortmund an Lungen-Tbc.  

Für die erste Woche im November 1943 gibt es 6 Einträge im Sterbebuch mit dem Vermerk „Unbekannt Stalag VI D“, sein Name wird nicht genannt. Er wurde am 6. November 1943 auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld II, Grab 1894 beerdigt.

Stepan Gozakow

Stepan musste auf den Zechen Hansemann und Minister Stein in Dortmund Zwangsarbeit leisten. Er war 35 Jahre alt, als er auf der Zeche Minister Stein einen schweren Arbeitsunfall erlitt und an einer Kopfverletzung starb.

Er wurde am 30. Juli 1909 im Dorf Tursona im Westen Russlands geboren. Dort lebte er mit seiner Familie. Als Beruf gab er Müller an. Als er, nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, zur Roten Armee einberufen wurde, war er 32 Jahre alt. Er gehörte einer motorisierten Brigade an. Anfang Juli 1943 begannen die Kämpfe am Kursker Bogen. Auch Stepans Brigade nahm daran teil.  Am 11. Juli 1943 geriet er unverletzt in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Zunächst brachte man ihn in das Mannschaftsstammlager (Stalag) 301 in Schepetowka im Westen der Ukraine. Schon nach kurzer Zeit wurde er ins Deutsche Reich gebracht. Hunger, Durst und sommerliche Hitze quälten die Männer auf der Fahrt  in den engen Viehwagons. Auf der tagelangen Fahrt erhielten die Männer kaum Verpflegung und Wasser. Am 2. August kam Stepan im Stalag 326 Senne in Ostwestfalen an. Dort wurde er registriert und erhielt die Erkennungsmarken-Nummer 124190. Auch das Stalag 326  war für ihn nur eine Durchgangsstation.

Ankunft im Ruhrgebiet

Am 13. August 1943 kam er in das Stalag VI A nach Hemer im nördlichen Sauerland und kurze Zeit darauf in das Arbeitskommando 755R Zeche Hansemann in Dortmund Mengede. Seit seiner Gefangennahme waren 5 Wochen vergangen. Die Zechenbesitzer drängten darauf immer mehr sowjetische Kriegsgefangene auf den Zechen des Ruhrgebiets einzusetzen, denn durch die weitere Einberufung von Bergleuten zur Wehrmacht, für den Krieg, wurde der Arbeitskräftemangel immer größer. Bis zum 1. Juni 1944 blieb Stepan auf der Zeche Hansemann, dann wurde er in das Arbeitskommando 604R Zeche Minister Stein versetzt. Beide Zechen befanden sich im Besitz der Gelsenkirchener Bergwerks AG, einer Beteiligungsgesellschaft der Vereinigten Stahlwerke. Am 16. August 1944 hatte Stepan einen Arbeitsunfall und erlitt schwere Kopfverletzungen, an denen er kurze Zeit später starb.

Sein Tod wurde im Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“ unter der Nr. 2994 registriert. Am 19. August begrub man ihn auf Feld 8, Grab 5, auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg. 

Michail Kasanjuk

Michail musste auf der Zeche Kaiserstuhl Zwangsarbeit leisten. Er war 22 Jahre alt als er im Bombenhagel in Dortmund starb.

Michael wurde am 8. Oktober 1921 in Dorf Timanowka bei Kiew geboren. Nach seiner Schulzeit machte er eine Ausbildung zum Schlosser. Am 17. April 1941 wurde er zum Militärdienst nach Batumi in Georgien, das damals zur Sowjetunion gehörte, einberufen. Der Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gab auch seinem Leben eine tragische Wende.

Schon im August 1941 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Zunächst kam er in ein frontnahes Lager (Frontstalag) 333 in Ostrow-Mazowiecka in Polen und im September 1941 in das Mannschaftsstammlager (Stalag) 310 (XI C) nach Bergen-Belsen in Niedersachsen.

Er wurde unter der Erkennungsmarke-Nr. 13982 registriert und leistete Zwangsarbeit in Bau Bataillon 151 bei Altengrabow im heutigen Sachsen-Anhalt.  Im Dezember 1942 brachte man Michail in das Stalag VI A im sauerländischen Hemer und von dort sofort in das Arbeitskommando 607R Zeche Kaiserstuhl in Dortmund.

Die Zeche Kaiserstuhl war damals in Besitz von Hoesch. Auf den Zechen des Ruhrgebiets herrschte, durch die Einberufung junger Bergleute zur Wehrmacht, Arbeitskräftemangel, der durch den Einsatz von sowjetischen Kriegsgefangenen behoben werden sollte.

Tod im Arbeitskommando

In der Nacht vom 4. auf den 5. Mai 1943 erlebte Dortmund einen schweren Bombenangriff. Getroffen wurde die Nordstadt, die Westfalenhütte und die Zeche Kaiserstuhl I und II. Bei diesem Bombenangriff Michail starb zusammen mit 193 weiteren  Kriegsgefangenen des Arbeitskommandos 607R. Dem Bombenhagel waren die Männer schutzlos ausgesetzt. Sie durften keine Schutzräume aufsuchen. In das Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“, das die Stadt Dortmund führte, wurden die 194 Getöteten nicht eintragen. Ihr Tod wurde von der Wehrmacht, der sie unterstanden, an die Wehrmachtsauskunftstelle gemeldet.

Die sterblichen Überreste der 194 getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen wurden auf Feld 4 des Internationalen Friedhofs ohne Nennung der Namen begraben.  Michael war einer von ihnen.

Iwan Pestrikow und Wassilij Wasiko

Am 2. November 1943 wagten Iwan Pestrikow und Wassilij Wasiko gemeinsam die Flucht. Beide verloren an diesem Tag ihr Leben.

Iwan Pestrikow stammte aus dem Dorf Sawjalowo im Gebiet Kirow, tausend Kilometer nordöstlich von Moskau. Dort wurde er am 9. Juli 1913 geboren. Er arbeitete in einem landwirtschaftlichen Betrieb, als er im Frühsommer 1941 mobilisiert wurde. Am 22. Juni überfiel Deutschland die Sowjetunion und begann einen Vernichtungskrieg. Bereits 11 Tage nach Kriegsbeginn geriet Iwan, am 3. Juli 1941 in Lettland, in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Wassilij Wasiko stammte aus dem Dorf Gajschin im Gebiet Kiew, wo er am 18. November 1919 geboren wurde. Auch er arbeitete in der Landwirtschaft. Er wurde ebenfalls im Frühsommer 1941 mobilisiert. In der Ukraine, die zur Sowjetunion gehörte,  tobten am Beginn des Krieges heftige Kämpfe. Wassilij wurde  bereits 6. August 1941 von der Wehrmacht gefangen genommen

In Kriegsgefangenschaft

Iwan und Wassilij teilten das Schicksal der Kriegsgefangenschaft mit vielen anderen Rotarmisten. In  den ersten Monaten des Krieges gerieten, während der großen Kesselschlachten bei Minsk, Smolensk, Kiew, Brjansk und Wjasma, 3.000.000 Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Gefangenen blieben unversorgt. Wer auf den Märschen in die frontnahen Lager zurückblieb, wurde erschossen. Die frontnahen Kriegsgefangenenlager waren nicht mehr als mit Stacheldraht eingezäuntes Gelände. Die Gefangenen starben in den Lagern an Hunger, Durst, fehlender Versorgung, an nicht behandelten Verwundungen und Seuchen. Bis zum Februar 1942 wurden 2.000.000 sowjetische Kriegsgefangene in den frontnahmen Lager der Wehrmacht ums Leben gebracht.

Iwan und Wassilij überlebten die ersten Monate ihrer Gefangenschaft. Sie mussten in Baukolonnen der Wehrmacht arbeiten.  Als der Arbeitskräftemangel im Deutschen Reich immer größer wurde, brachte man sie, wie hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene, ins Deutsche Reich.

Ankunft im Mannschaftsstammlager X B Sandbostel

Iwan und Wassilij kamen in das Mannschaftsstammlager (Stalag) X B nach Sandbostel in der Nähe von Hamburg. Im Sommer 1942 kamen dort viele tausende Männer an. Im Lager wurden sie  registriert. Ihre Daten wurden in einer Personalkarte I erfasst und sie erhielten eine Erkennungsmarke mit einer Nummer. So erging es auch Iwan und Wassilij.

Wassilij erhielt die Erkennungsmarken-Nr. X B 126417 und Iwan die Erkennungsmarken-Nr. X B 132529. Das deutet darauf hin, dass Wassilij einige Wochen vor Iwan im Stalag X B  Sandbostel ankam. Nach der Registrierung mussten sie in einem der vielen Arbeitskommandos zwischen Weser und Elbe Zwangsarbeit leisten.

Auf den Zechen des Ruhrgebiets

Weil auf den Zechen im Ruhrgebiet Arbeitskräfte fehlten, wurden die Männer auf Bergbautauglichkeit gemustert. Alle bergbautauglichen Gefangenen kamen in das Stalag VI A nach Hemer im nördlichen Sauerland und von dort schnell in die Arbeitskommandos der Zechen im Ruhrgebiet. Diese Reise traten Iwan und Wassilij bereits gemeinsam an. Wahrscheinlich schlossen die beiden auf dem Transport ins Ruhrgebiet Freundschaft. Beide kam Ende August 1943 in das Arbeitskommando 756R Zeche Hansa nach Dortmund Huckarde.

Der Entschluss zur Flucht

Nach kurzer Zeit auf der Zeche fassten sie den Entschluss zur gemeinsamen Flucht. Sie wollten die bedrückenden Lebensverhältnisse, das ständige Strammstehen, die Schikanen und die rassistischen Demütigungen nicht mehr ertragen. Nachdem sie zwei Monaten im Lager waren, unternahmen sie gemeinsam am  2. November 1943 einen Fluchtversuch. Die Flucht gelang nicht. Beide wurden erschossen. Ihr Tod ist im Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“ der Stadt Dortmund unter den Nummern 1991 und 1992 vermerkt.  Auf ihren Personalkarten steht der Eintrag „ infolge Fluchtversuch auf der Flucht erschossen“.

Die Wehrmacht, der sie bis zu ihrem Tod unterstanden, sandte die Personalkarten mit einer Verlustliste an die Wehrmachtauskunftstelle. Iwan und Wassilij wurden am 4. November 1943 auf dem Internationalen Friedhof begraben. Da war Iwan 30  Jahre alt und Wassilij war 24 Jahre alt.

Grigorij Petrischin

Grigorij starb am 11. September 1942 im Arbeitslager des Dortmund-Hörder Hüttenvereins auf der Huckarder Straße. Er musste als Jugendlicher Zwangsarbeit leisten und wurde nur 16 Jahre alt.

Grigorij wurde am 14. August 1926 geboren. Als er nach Dortmund kam, war er 15 Jahre alt. Wie er, waren die meisten Zwangsarbeiter Jugendliche. Sie erlebten harte Arbeit, Schläge, schlechtes Essen, rassistische Verfolgung und permanente Angst. Sie litten zudem unter Heimweh.

Kindern und Jugendlichen wird kein besonderes Schutzbedürfnis zuerkannt

Ein Zeitzeuge, der als Kind zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde, erinnerte  sich: „Sowjetische Kriegsgefangene arbeiteten mit uns in der Fabrik. Unsere Lebensbedingungen glichen denen der Kriegsgefangenen. Dieselben 3-stöckige Etagenbetten, dieselbe Ernährung: einmal am Tag Steckrübensuppe, Kaffeeersatz morgens und abends, ein Laib Brotersatz zur Hälfte aus Sägemehl für fünf Personen. Die Kriegsgefangenen und die Ostarbeiter mussten in zwei Schichten arbeiten. 12 Stunden Tag- und 12 Stunden Nachtschicht, was wöchentlich wechselte. Auch 13-jährige wurden wie Erwachsene behandelt und mussten im Zweischichtsystem schuften.“

Grigorij starb in der Nacht zum 11. September 1942. Er wurde auf den Internationalen Friedhof in Dortmund auf Feld 4 begraben.

Sinaida Bakumenko

Sinaida starb am 8. März 1945 im Bombenhagel. Sie war Ostarbeiterinnen und stammte aus Kertsch, einer Stadt auf der gleichnamigen Halbinsel Kertsch, die den östlichsten Teil der Krim bildet. Wann sie nach Dortmund kam, wissen wir nicht.

Schlechte Verpflegung und wenig Lohn

Über als 2.000.000 Menschen aus der Sowjetunion wurden ab 1941 zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt. Mehr als die Hälfte von ihnen waren junge Frauen. Gemäß Ostarbeitererlass sollten sie eine schlechtere Verpflegung und weniger Lohn erhalten als deutsche Arbeiter und Arbeiterinnen und als alle anderen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Ihnen war verboten den  Arbeitsplatz zu verlassen. Sie durften weder Geld und  Wertgegenstände noch  Fahrräder und Feuerzeuge besitzen. Zudem mussten sie ein diskriminierendes Abzeichen mit der Aufschrift „OST“ gut sichtbar tragen.  

Die sowjetischen Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen wurden bei den Gemeinden und Städten angemeldet und auch ihr Tod wurde dort in die Standesregister eingetragen, daher haben wir eine Sterbeurkunde, die Sinaidas Tod beurkundet.

Die zumeist jungen Menschen, Jugendliche und junge Frauen wussten in Rüstungsbetrieben, Stahlwerken, auf Zechen aber auch in landwirtschaftlichen, kommunalen und kirchlichen Betrieben, in Handwerksbetrieben oder in Haushalten arbeiten. Ihre Anwesenheit und ihre Lebenssituation waren für die deutsche Bevölkerung immer sichtbar. Sinaida musste auf der Zeche Westhausen I Zwangsarbeit leisten.

Kein Zugang zu Schutzräumen

Anfang März 1945 war der Krieg nach Deutschland zurückgekehrt. Die Alliierten starteten im Westen die Luftoffensive „Interdiction of the Ruhr“ (Abriegelung der Ruhr). Der Kampf um das Ruhrgebiet hatte begonnen. Die Städte des Ruhrgebiets, des Rheinlands und Westfalens erlebten schwere Luftangriffe. Essen, Dortmund, Hagen und Witten wurden völlig zerstört. Immer noch war es sowjetischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nicht erlaubt bei Fliegerangriffen Bunker und Schutzräume aufzusuchen. Sie waren den Luftangriffen schutzlos ausgesetzt.

Als Sinaida Bakumenko im Bombenhagel starb, war sie 23 Jahre alt. Sie wurde auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 13 begraben.

Nikolaj Scharpan

Kinder waren unerwünscht

Nikolaj Scharpan starb am 21. September 1944 um 19.45 Uhr.

Der kleine Nikolaj wurde am 16. März 1944 geboren. Wer seine Eltern waren, ist nicht bekannt. Als Wohnort wird in seiner Sterbeurkunde „Springorumstraße 51“ angegeben. Wahrscheinlich musste seine Mutter Zwangsarbeit auf der Westfalenhütte leisten.

Unter den Millionen Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt wurden, waren viele junge Frauen. Aus deutscher Sicht zählte nur die Arbeitskraft der Frauen. Kinder waren weder vorgesehen noch erwünscht. Wenn die Frauen schwanger waren, wurden sie in speziellen Entbindungslagern zur Abtreibung gezwungen oder sie mussten unter primitivsten Bedingungen ihre Kinder zur Welt bringen. Die Kinder von Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion kamen ab 1943 meist in „Ausländerkinder-Pflegestätten“, wo die Sterblichkeit durch gezielte Vernachlässigung hoch war.

Kinder von Zivilarbeiterinnen hatten ein kurzes Leben

Unweit von Dortmund wurde 1943 in Waltrop-Holthausen ein Entbindungslager eingerichtet. Es war eines der größten Entbindungs- und Abtreibungslager im damaligen Deutschen Reich. 1.273 Kinder kamen im zweiten Weltkrieg im Entbindungslager Holthausen für Zwangsarbeiterinnen zur Welt. Nicht einmal die Hälfte dieser Neugeborenen überlebte. In einer Notiz des Emsdettener Dechanten heißt es: „Die unehelichen Zivilarbeiterinnen, […] die im hiesigen Dekanat vielfach in den Textilfabriken tätig sind, werden vor der Niederkunft durchweg in eine Anstalt nach Waltrop geschickt. […] Eines kann aber festgestellt werden, daß nämlich fast alle hier getauften Kinder von Zivilarbeiterinnen aus dem Auslande schon kurze Zeit nach der Taufe sterben.“

Nikolaj lebte nur 6 Monate. Als Todesursache ist auf seiner Sterbeurkunde Keuchhusten angegeben. Für Babys ist Keuchhusten eine tödliche Krankheit. Der kleinen Körper kann sich noch nicht gegen die Krankheit wehren, zumal wenn er geschwächt ist. Man brachte Nikolaj noch in das Kinderkrankenhaus auf der Beurhausstraße. Dort konnte man ihm nicht mehr helfen.

Nikolaj wurde auf dem Internationalen Friedhof begraben. Auf dem Internationalen Friedhof gibt es 117 Kindergräber.  

Zwei Tafeln für das Projekt „Holz ist kein Marmor“

Das Projekt wird fortgesetzt

Mit der Aufstellung von zwei  Namenstafeln hat der Historische Verein Ar.kod.M e.V. an Fedor Gurej und Michail Struss erinnert. Beide stammten aus der Westukraine. Sie kamen als Landarbeit ins Deutsche Reich. Wann sie ankamen, ob sie sich anwerben ließen oder gegen ihren Willen ins Deutsche Reich verschleppt wurden ist nicht bekannt.  

Der Weg ins Deutsche Reich

Fedor Gurej wurde am 2. August 1919 in einem Dorf im Kreis Lemberg in der Westukraine geboren. Auf seinem Ärztlichen Gutachten vom April 1943 findet sich der Vermerk, dass er 18. 4. 1941 in der Entlausung war. Ein Schreibfehler oder hatte Feder bereits im April 1941 die Sowjetunion verlassen und war zur Arbeit als Landarbeiter in Deutsche Reich gekommen?

Michail Struss wurde im Jahr 1907 im Dorf Hamerec im Westen der Ukraine geboren, da gehörte der Westen der Ukraine, Galzien, noch zum Habsburger Reich. Nach dem ersten Weltkrieg hatte die Westukraine einmal mehr eine wechselvolle Geschichte. Zunächst wurde sie polnisch, dann kam sie 1939 zur Sowjetunion. Die Menschen mussten mit den wechselnden  politischen Verhältnissen in ihrer Heimat zurechtkommen.

Wahrscheinlich waren Fedor und Michail in ihrer Heimat Bauern oder Landarbeiter. Auch im Deutschen Reich arbeiteten sie zunächst in der Landwirtschaft.

Zwangsarbeit auf Dortmunder Zechen

Doch als der Arbeitskräftemangel auf den Zechen des Ruhrgebiets durch die vermehrte Einberufung von Bergleuten zur Wehrmacht zunahm, mussten auch Fedor und Michael auf einer Zeche arbeiten. In Nazideutschland waren Fedor und Michail Ostarbeiter, daher waren sie der rassistischen Gesetzgebung für Zivilarbeiter aus der Sowjetunion unterworfen. Bevor sie auf die Zeche kamen, wurden sie auf Bergbautauglichkeit untersucht.

Arbeitskarte von Michail Struss

Michail war bergbautauglich. Am 27. November 1942 kam er auf die Zeche Fürst Hardenberg.  Dort blieb er 14 Monate. Seine letzte Schicht macht er am 22. Januar 1944. Er erlitt an diesem Tag einen Arbeitsunfall an dem der am 27. Januar 1944 starb. Er war 37 Jahre alt.

Gesundheitszeugnis von Fedor Gurej

Fedor kam, nach einer Untersuchung auf Bergbautauglichkeit am 26. April 1943, auf die Zeche Zollern nach  Bövinghausen, Schacht 2/4. Dort arbeitete er als Schlepper. Als Schlepper musste er die vollen Förderwagen aus dem Abbau ziehen und zu den Schächten befördern. Am 8. Mai 1943 wurde er nach Kirchlinde nach Zollern 1/3 versetzt. Auch hier arbeitete er als Schlepper. Am 15. Oktober 1944 erlitt er einen Unfall, an dem er starb. Da war er 23 Jahre alt.

Michail und Fedor wurden auf dem Ausländerfriedhof auf  Gräberfeldern für sowjetischen Zivilarbeiter begraben. Ihre Namen sind auf keinem Grabmal verzeichnet. Nur zwei Holztafeln erinnern an sie. 

9. Mai 2025 – Feierstunde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg

Den Menschen einen Namen und ein Gesicht geben

Am 9. Mai 1945 endet der 2. Weltkrieg in Europa. Für die Menschen in Europa bedeutet dieser Tag Frieden und die Befreiung vom Faschismus. Dieser Sieg über den Faschismus war hart erkämpft.
Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes fand auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund eine Feierstunde statt.
Bereits am Vormittag fand eine Kranzniederlegung zur Erinnerung an die Kriegsgefangenen des Stalag VI D am Gedenkstein an der Westfalenhalle statt.

Am Nachmittag wurde, während einer Feierstunde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg, mit der Aufstellung zahlreicher Portraits der sowjetischen Kriegsgefangenen gedacht, die in Dortmund ums Leben gebracht und ohne Nennung ihres Namens begraben wurden.

Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands  auf die Sowjetunion gerieten 5.000.000 Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Zweidrittel der Männer überleben die ersten Monate ihrer Gefangenschaft nicht. Wer überlebte, wurde von der Wehrmacht zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht, so auch nach Dortmund.
In Dortmund wurden die Männer in das Kriegsgefangenlager Stalag VI D an der Westfalenhalle gebracht und von dort zur Zwangsarbeit in die Betriebe im östlichen Ruhrgebiet, im Sauerland und im Münsterland. Wenn sie, wegen der harten Arbeit und der völlig unzureichenden Ernährung nicht mehr arbeitsfähig waren, brachte man sie zurück in das Stalag VI D. In diesem Lager starben tausende Gefangene an fehlender Versorgung und nicht behandelten Krankheiten. Ihr Grab fanden die Männer auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg.

Bisher erinnert der Internationale Friedhof an eine Parklandschaft, es gibt nur wenige Erinnerungen an die Menschen, die hier begraben sind.

Mit der Aufstellung der Portraits sollte den Menschen, die oft ohne Nennung ihres Namens beerdigt wurden, ein Namen und ein Gesicht geben werden.